Wie kommen wir zu einer Tasse Kaffe?

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Beitrag zur 1. Oekonux Konferenz 2001 in Dortmund von Wolf Göhring

Zur produktiven Informationsgesellschaft

Ich will nicht gleich ins Allgemeine einsteigen und dort versacken, sondern erstmal über einer Tasse Kaffee etwas praktisches bereden, nämlich wie man eigentlich zu Kaffee kommt. Danach ist Gelegenheit, entlang dieser Praxis zwei wesentliche Züge unserer Zeit zu behandeln, nicht ohne Nachhilfe bei Marx zu nehmen. Das eine ist die Produktion der Güter als Waren, die erst nach einem Tausch brauchbar werden. Das andere ist, daß alle versuchen, den Tausch "irgendwie" so in den Griff zu bekommen, daß man hinterher nicht der Gelackmeierte ist.

Wie kommen wir zu unserm Frühstückskaffee?

Ganz einfach: Wasser in die Kanne zapfen, in die Maschine schütten, etwas gemahlenen Kaffee aus der Tüte in den Filter, Filter auf die Kanne, Maschine einschalten, kurz warten, fertig. Wie kommen wir zur Tasse Kaffee, wenn die Kaffeetüte leer ist? Ganz einfach, im Supermarkt eine neue kaufen. Oder wenn die Kanne zu Boden gegangen und zerschellt ist? Ganz einfach, in der Elektroabteilung eine neue kaufen. Oder wenn... ? Auf jeden Fall: ganz einfach.

Im Supermarkt fehlt Kaffee nie. Wie kommt der dorthin? Dort sieht man manchmal LKWs, von denen Paletten abgeladen werden, da wird auch der Kaffee dabei sein. Wo die Paletten herkommen? Da gibt es ein zentrales Großlager mit allem möglichen, da lagert auch Kaffe. Der Grossist bezieht ihn von der Rösterei. An der Küste gibt es viele Röstereien, wegen der Häfen. Der Kaffee kommt mit dem Schiff, aus Übersee, aus Brasilien, aus Mittelamerika. Irgendwie arbeiten dort Campesinos auf den Haziendas. Sechsmal sortieren die Familien der Campesinos die frischen Kaffeebohnen, bevor sie getrocknet und "die guten ins Säckchen" für die Westeuropäer gefüllt werden. Wo kommen die Säcke her? Jute aus Indien? Wie werden die vollen Säcke eingeladen? Auf den Schultern der Einheimischen? Wie werden die vollen Säcke ausgeladen? Mit den Kränen der andern Einheimischen? Wo kommen die Kräne her? Der Stahl der Kräne, der Schiffe und dieses Bandes, das sich um die Kanne schlingt und den Griff hält? Das Erz für den Stahl? Siegerland? Lothringen? Kiruna? Minas Gerais? Kenia?

Im Supermarkt gibt es Kaffee für 6,40 DM im Sonderangebot. An der Kasse wird mit dem Markierungsleser eine Nummer an der Tüte gelesen. Ein kleiner Computer in der Kasse fragt einen großen Computer im Supermarkt, was das kosten soll und druckt es auf den Quittungszettel. 10 Mark hin. "Dreimarksechzig zurück", sagt der Computer. Der große Computer verbucht den Abgang einer Tüte und merkt, daß nur noch höchstens zehn im Regal stehen, also nachfüllen aus dem Lager, und weil im Lager auch so wenig, nachbestellen beim Großhändler - elektronisch. "Natürlich," möchte man sagen. Von des Großhändlers Computer geht irgendwann eine Email an die Kaffeerösterei. Dort werden Marktanteile untersucht und Aufkäufer in Gang gesetzt. Die erschauen in ihren Bildschirmen, daß sie bei den Warentermingeschäften nicht draufzahlen. Und irgendwo ist ein Kaffeeproduzent froh, daß er sein Zeugs losgeworden ist.

Es werden Kontrakte geschlossen: soundsoviel Kaffee geht von A nach B, ohne den Kaffee einen Meter bewegen zu müssen. Soundsoviel Geld von B nach A, ohne einen Pfennig bewegen zu müssen. Es genügt die Computerbuchung. Aber irgendwo wird auch transportiert, nicht nur virtuell und mit Mausklick. Die Kaffeetüte kommt zum Kaffee, worin er frisch gemahlen aromasicher vakuumverpackt wird. Die 640 Pfennige für die volle Kaffeetüte werden virtuell über den Globus verstreut, um sich als Cents, Centavos oder allerlei anderes Geld wieder zu materialisieren. Genau besehen: Aus einer dampfenden Tasse Kaffee zieht eine ganze Welt herauf.

Muß man das so genau sehen und wissen? Es läuft doch gut, auch wenn man es nicht genau weiß: Man geht zum Supermarkt und kauft sich dort seinen Kaffee. Basta. Und wenn mal kein Kaffee da sein sollte, kauft man woanders oder beschwert sich. Globalisierung, vernetzte Welt? Brauchen wir diese? Sollten wir nicht lieber echt deutsche Zitronen essen, wozu uns Tucholsky schon spottend riet? Aber nein. Was wir brauchen, ist mehr Geld und billigeren Kaffee. Wieso ist der Kaffee trotz Sonderangebot noch so teuer?!

Statt über Kaffee hätte ich auch über Schuhe, Kerzenständer oder Zahnpasta sprechen können. Oder über Bohrmaschinen, Gabelstapler, Kinderwagen. Was macht diese Gebrauchsgegenstände käuflich, zu Waren?

Ich spare mir Anmerkungen dazu, wie es im Laufe der Jahrtausende dazu gekommen ist und was die Menschen dazu getrieben hat, immer mehr Produkte nicht mehr für den eigenen, unmittelbaren Verbrauch in einer kleinen Gruppe, sondern als Waren für den Tausch herzustellen. Bekannt ist, daß diese Entwicklung von scharfen Auseinandersetzungen begleitet war. Dazu nur eine Episode: der deutsche Kaiser Otto III. zog vor tausend Jahren nach Rom, um den meist nur noch symbolischen Pachtzins für Ackerland kräftig anzuheben. Landbesitzender Adel und Klerus sollten zu Geld kommen, die Bauern hätten mehr auf den Markt bringen und verkaufen müssen. Der höhere Pachtzins hätte das Preis-, Sozial- und Produktionsgefüge dramatisch verändert. Die Römer pfiffen auf diese "Wiederherstellung des römischen Reiches", wie es Otto III. in einer Rede benannte und bekriegten ihn.

Ware, Gebrauchswert und Tauschwert[1] [2]

Es hat historische und natürliche Gründe, daß der Ort, wo die Produkte entstehen, und der Ort, wo sie verbraucht werden, ganz verschiedene sind. Schon die antiken Städter konnten nicht mehr selbst auf die entlegenen Felder ziehen, um dort das Korn anzubauen, das sie verzehrten. Das Korn für das antike Rom kam aus Lybien. Produkte, auch die modernsten, die in isolierter Arbeit aufgehäuft werden, müssen erst zu den Verbrauchern geschafft werden. Gebrauchsgegenstände wie Kaffee oder Kinderwagen werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte von einander unabhängig betriebener Arbeiten - Marx nennt sie Privatarbeiten (MEW 23, S. 87) - sind. Sie sind Nicht-Gebrauchswerte für ihre Erst-Besitzer, Gebrauchswerte für ihre Nicht-Besitzer. Ein Campesino, der Kaffee anbaut und von Kaffee "lebt", kann gar nicht soviel Kaffee trinken, wie er erntet. Er muß ihn los werden, aber er kann ihn nicht verschenken. Und uns läßt es kalt, ob der Campesino bei der Kaffeeernte schwitzte, wenn wir das Geld für die Tüte Kaffee über den Ladentisch schieben. Man hat mit dem Campesino nichts zu schaffen, auch wenn man sich seine Arbeit mit einer Tasse Kaffee einverleibt.

Die Herstellung der Produkte ist nicht ohne Arbeit und nicht ohne Verbrauch an Lebenszeit der Produzenten zu haben. In dieser Zeit werden die Produzenten müde, hungrig und durstig. Es verschleißen ihre Kleider, ihre Häuser wollen renoviert werden. Und irgendwie muß auch das erledigt werden. Die Produzenten drängen darauf, daß sie für die Produkte, die sie hergeben (müssen), in irgend einer Weise so entschädigt werden, daß sie weiterleben können, daß das, was während der Produktion für andere liegengeblieben ist, irgendwie doch erledigt oder ersetzt werden kann.

: The real price of every thing, what every thing really costs to the man who wants to acquire it, is the toil and trouble of acquiring it. What every thing is really worth to the man who has acquired it, and who wants to dispose of it or exchange it for something else, is the toil and trouble which it can save to himself, and which it can impose upon other people. What is bought with money or with goods is purchased by labour, as much as what we acquire by the toil of our own body. That money or those goods indeed save us this toil. They contain the value of a certain quantitiy of labour which we exchange for what is supposed at the time to contain the value of an equal quantity.
(Adam Smith: a.a.O., Chap. V, p 36)

Die Produzenten können ihr Produkt nicht umsonst hergeben, sie benötigen soviel, um anderntags weiterleben zu können. Die Produzenten ver"wahren" ihre Produkte solange, bis gleichwertiges ansteht. Erst dann wird getauscht, erst dann ist der andere zum Gebrauch des Produkts befugt: Das verwahrte Produkt ist eine Ware geworden (s. a. Grimm'sches Wörterbuch der deutschen Sprache).

Die Kaufleute schaffen das Produkt vom Ort seiner Entstehung an den seines Verbrauchs; sie vermitteln zwischen Hersteller und Verbraucher, die sich beide unbekannt, fremd und gleichgültig bleiben, wo der eine etwas hat, das er nicht gebrauchen kann, das ein andrer gebrauchen könnte, aber zunächst nicht hat. Die auf einen Gebrauchswert, Kaffee oder Zahnpasta beispielsweise verausgabte menschliche Arbeit zählt nur, soweit sie in einer für andre nützlichen Form verausgabt ist. Ob sie andren nützlich, ihr Produkt daher fremde Bedürfnisse befriedigt, kann aber nur ihr Austausch beweisen. (MEW 23, S. 100, 101) Mit Bezug auf den Gebrauchswert gilt die in der Ware - im Kaffee, in der Zahnpasta - enthaltene Arbeit nur qualitativ. Beim Gebrauchswert geht es um das Wie und Was der Arbeit, beim Tauschwert um ihr Wieviel, ihre Zeitdauer (S. 60) Da der Handel überhaupt nichts ist als der Austausch einer Arbeit gegen andere Arbeit, wird der Wert aller Dinge am richtigsten geschätzt in Arbeit. (The works of Benjamin Franklin, ed. by Sparks, 1836, v. II, S. 267) Arbeit bedeutet bei Franklin wie oben bei Smith "labour" und "toil and trouble", aber nicht die konkrete individuelle Arbeit, die die Einzelnen vollbracht hatten, als sie das auszutauschende Stück herstellten. Beim Tausch, Verkauf eines schönen handgeknüpften Teppichs ist es dem Käufer egal, mit wieviel Fantasie, Begeisterung und Hingabe das gute Sück geknüpft wurde. Es zählt sein Preis im Vergleich zu andern Stücken, es zählt, ob viele oder wenige angeboten werden und wieviele die Gesellschaft gebrauchen kann oder will. Mit Blick auf den Tausch tragen nur die hineingesteckten Arbeitsstunden, gleichgültig von welcher Art und Person, zum (Tausch-)Wert des Produkts bei. Mit Bezug auf den (Tausch-)Wert gilt die hineingesteckte Arbeit nur quantitativ, nachdem sie bereits auf menschliche Arbeit ohne weitere Qualität reduziert ist. Im Austausch werden die Waren als (Tausch-)Werte aufeinander bezogen und als (Tausch-)Werte realisiert (S. 100). Moderne Betriebswirtschaft und Kostenrechnung haben daran nichts geändert. Mit 17 Arbeitsstunden wird ein Auto montiert; das ist zusammen mit dem Verbrauch anderer (Tausch-)Werte ein Eckpunkt seines (Tausch-)Werts, den es schnell verliert, wenn es andere in 16 Stunden montieren oder wenn zuviele gebaut werden. Wenn an allen Ecken Kiwi feilgeboten werden, so sind sie in den Augen der Käufer nichts mehr wert, auch wenn ihr Wert für die menschliche Ernährung in nichts nachgelassen hat.

Die zur Produktion der Waren gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und die Nützlichkeit der Waren spricht sich zwar herum, doch erst im Austausch zeigt sich, ob und wieweit die einzelne Ware einen Nutzen hat, ob sie die eingesetzte Arbeitszeit wert ist. Was nichts taugt, nimmt man, wenn es sich herumgesprochen hat, nicht mal mehr geschenkt. Die Waren müssen im Tausch Gleichwertiges gefunden haben, sie müssen ihren (Tausch-)Wert bewiesen und realisiert haben, bevor sie verwendet werden können. Andrerseits müssen sie sich als Gebrauchswerte bewähren, bevor sie sich als (Tausch-)Werte realisieren können. Aber erst nach dem Tausch, wobei die Dinge als Tauschwerte aufeinander bezogen werden, erweist sich das eingetauschte Produkt als tauglich, zeigt sich sein Gebrauchswert.

Geld und Preis, Fetischismus der Waren

Persönliche und geburtliche Abhängigkeit, Treue-, Fürsorge- und Unterhaltspflicht bestimmen heutzutage außer in Familie oder in persönlichen Partnerschaften nicht mehr, wem welche und wieviele Produkte zugute kommen, sondern das sachliche Kriterium einer gleichwertigen Gegenleistung für das hergestellte Ding, für das verwahrte Produkt. Jedoch: Wieviel Sack Weizen für einen Kupferkessel? Wieviele Denare, Schillinge, Euro für einen Sack Weizen und wieviele für den Kupferkessel? Oder für Kaffee, Schuhe, Kerzenständer oder Zahnpasta. Oder für Bohrmaschinen, Gabelstapler, Kinderwagen? Was tut man, was gibt man dafür, was ist es einem wert, Kaffee trinken zu können? Für welches Angebot gibt der Produzent seinen Kaffee preis oder muß er ihn preisgeben?

Jeder Warenbesitzer will seine Ware nur veräußern gegen andre Ware, deren Gebrauchswert sein Bedürfnis befriedigt. ... Aber andrerseits will er seine Ware als Wert realisieren, also in jeder ihm beliebigen andren Ware von demselben Wert, ob seine eigne Ware nun für den Besitzer der andren Ware Gebrauchswert habe oder nicht.

so gilt jedem Warenbesitzer jede fremde Ware als besonderes Äquivalent seiner Ware, seine Ware daher als allgemeines Äquivalent. Da aber alle Warenbesitzer dasselbe tun, ist keine Ware allgemeines Äquivalent und besitzen die Waren daher auch keine allgemeine relative Wertform, worin sie sich als Werte gleichsetzen und als Wertgrößen vergleichen. ... Die Gesetze der Warennatur betätigten sich im Naturinstinkt der Warenbesitzer. Sie können ihre Waren nur als Werte und darum nur als Waren aufeinander beziehn, indem sie dieselben gegensätzlich auf irgendeine andre Ware als allgemeines Äquivalent beziehn. ... Aber nur die gesellschaftliche Tat kann eine bestimmte Ware zum allgemeinen Äquivalent machen. Die gesellschaftliche Aktion aller andren Waren schließt daher eine bestimmte Ware aus, worin sie allseitig ihre Werte darstellen. Dadurch wird die Naturalform dieser Ware gesellschaftlich gültige Äquivalentform. ... So wird sie - Geld.

Der Geldkristall ist ein notwendiges Produkt des Austauschprozesses, worin verschiedenartige Arbeitsprodukte einander tatsächlich gleichgesetzt und daher tatsächlich in Waren verwandelt werden. Die historische Ausweitung und Vertiefung des Austausches entwickelt den in der Warennatur schlummernden Gegensatz von Gebrauchswert und Wert. Das Bedürfnis, diesen Gegensatz für den Verkehr äußerlich darzustellen, treibt zu einer vollständigen Form des Warenwerts und ruht und rastet nicht, bis sie endgültig erzielt ist durch die Verdopplung der Ware in Ware und Geld. In demselben Maße daher, worin sich die Verwandlung der Arbeitsprodukte in Waren, vollzieht sich die Verwandlung von Ware in Geld.

(MEW 23, S. 101f.)

Die Teilung der Arbeit in unabhängige Privatarbeiten oder besser: die bloße Anhäufung unabhängiger Privatarbeiten verwandelt die Arbeitsprodukte in Waren und macht dadurch ihre Verwandlung in Geld notwendig (S. 122).

Nach diesem Ausflug zu Marx eine seiner Fußnoten: Danach beurteile man die Pfiffigkeit des kleinbürgerlichen Sozialismus, der die Warenproduktion verewigen und zugleich den `Gegensatz von Geld und Ware', also das Geld selbst, denn es ist nur in diesem Gegensatze, abschaffen will. Ebensogut könnte man den Papst abschaffen und den Katholizismus bestehen lassen. (Fußnote S. 102)

Erst in vollständig entwickelter Warenproduktion wird einsichtig, daß die unabhängig voneinander betriebenen, aber als naturwüchsige Glieder der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit allseitig voneinander abhängigen Privatarbeiten fortwährend auf ihr gesellschaftlich notwendiges Maß gestutzt werden, weil in den zufälligen und stets schwankenden Austauschverhältnissen der Produkte die zu deren Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit von den Austauschenden gewaltsam wie ein Naturgesetz durchgesetzt wird (S. 89). Nur vermittels der Entwertung oder Überwertung der Produkte werden die Produzenten mit der Nase darauf gestoßen, was und wieviel davon die Gesellschaft braucht oder nicht braucht. (Friedrich Engels, Vorwort zu Marx: Elend der Philosophie, MEW 4, S. 566). Der Preis einer Ware kann deshalb von ihrem Wert abweichen. Die Preisform der Waren ist einer Produktionsweise angemessenen, worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann (Marx: Das Kapital, MEW 23, S. 117).

Gesellschaftlicher Zusammenhang, Versachlichung, Entfremdung und Warenfetischismus

Trotz Unabhängigkeit und Isoliertheit der Arbeiten bleibt die Produktion jedes einzelnen abhängig von der Produktion aller andern: Das eigne Produkt, die eigne Tätigkeit werden nur nützlich, wenn ausgetauscht, wenn fremder, nicht der eigne Bedarf befriedigt wird. Umgekehrt wird der eigne Bedarf durch ein fremdes Produkt befriedigt, das nur im Tausch gegen eignes gewonnen werden kann. Dieser gesellschaftliche Charakter der Tätigkeit, diese gesellschaftliche Form des Produkts und dieser Anteil des Individuums an der gesellschaftlichen Produktion - auch des produzierten Abfalls, denn das Produkt von heute ist der Müll von morgen - erscheinen in der heutigen, voll entwickelten kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr als das persönliche Verhalten der Individuen gegeneinander, sondern als ihnen gegenüber Fremdes, Sachliches, als ihr Unterordnen unter Verhältnisse (z. B. Lohnarbeit), die unabhängig von ihnen bestehen und aus dem Anstoß der gleichgültigen Individuen aufeinander entstehen. Diese wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der Individuen bildet ihren heutigen gesellschaftlichen Zusammenhang, ausgedrückt - wie Marx betont - im Tauschwert oder, wenn man ihn isoliert und individualisiert, Geld. Erst darin wird Tätigkeit oder Produkt eines jeden Individuums eine Tätigkeit und ein Produkt für es selbst. Der gesellschaftliche Charakter zeigt sich auch hinterrücks über die Natur der verbrauchten Waren: Der Gebrauch der Produkte verwandelt sie zu Müll, einer plötzlich global und gemeinschaftlich zu tragenden Last. Die mit dem erzeugten Kohlendioxid verbundene globale Klimaveränderung liefert ein schlagendes Beispiel.

Die Warenwelt findet mit dem Geld ihre fertige Form. Eine Sache, das Geld in der Tasche, gibt die Macht, sich ein Produkt anzueignen und sich einen Dienst erweisen zu lassen. Diese Geldform verschleiert in einer sachlichen Weise den gesellschaftlichen Charakter der unabhängigen, isolierten Arbeiten und daher die gesellschaftlichen Verhältnisse der Privatarbeiter, statt sie zu offenbaren (MEW 23, S. 90). Wer im Supermarkt Kaffee einkauft, muß nichts vom Job all derer wissen, die für den Kaffee sorgten. Geld genügt. Und kaum einer dieser Leute, die den Kaffee vom Strauch zum Bauch schaffen, weiß etwas vom Job des andern auf dieser Strecke. Man hat mit jenem Landarbeiter nichts zu schaffen, dessen Arbeit man sich zu Hause als Tasse Kaffee einverleibt, was trotzdem nicht ohne eigenes Zutun abgeht. Dieses Zutun - das bezahlte Geld - kommt umgekehrt abstrakt, unpersönlich, fremdartig, nüchtern-sachlich jenen Stellen zugute, wo der Kaffee geerntet, transportiert, geröstet und vakuumverpackt wird. Ob es dort diejenigen Menschen sind, die zuvor Erzeugung und Lieferung des Kaffees besorgten, ist bedeutungslos. Auch wer Benzin tankt, muß nichts vom Job des Ölarbeiters wissen. Auch hier genügt Geld, aber die Macht des Geldes ist gesellschaftlich. Auf ungültige oder unbekannte Währung wird nichts gegeben, so als spräche man eine fremde Sprache. Und mancherorts ist man mit seiner Kreditkarte arm dran.

Diese Versachlichung des gesellschaftlichen Charakters der Privatarbeiten ist gepaart mit einer Entfremdung: Die Produkte werden für einen fremden, unbekannten Gebrauch gefertigt. Das Produkt wird den Produzenten entzogen, es bleibt nicht ihr Eigentum, es wird ihnen fremd, es wird abtransportiert. Die Produktion wird dem Erwerber des Produkts fremd und gleichgültig, er tauscht das Produkt eines Fremden ein, auf das er mehr oder weniger zufällig stößt:

Das Wertverhältnis der zu Waren gemachten Arbeitsprodukte hat mit deren physischer Natur, den daraus entspringenden dinglichen und persönlichen Beziehungen der Produktion sowie mit ihren Gebrauchswerten nichts zu schaffen. Das Wertverhältnis erfüllt die Produkte der menschlichen Hand scheinbar mit einem eignem Leben, läßt sie als scheinbar selbständige Gebilde untereinander und mit den Menschen in ein Verhältnis treten. Barbie und Tamasgotchis geben dem einen skurrilen und absurden Ausdruck. Das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen nimmt die Form eines Verhältnisses von Dingen an: Ich und mein neuer Fernseher, für den ich mein gutes Geld gegeben habe. Marx nennt dies den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist (S. 86, 87).

Warenproduktion, Produktivkräfte, Gesellschaftsformation

Die Warenproduktion und Handel konnten in der Vergangenheit nur in dem Maß ausgedehnt werden, wie die Mittel dazu vorhanden waren, - und wenn es zunächst Waffen und Festungswerke waren. Die Eroberung der Sachsen durch Karl d. Gr., Englands durch Wilhelm den Eroberer und Ostpreußens durch den Deutschen Ritterorden dienten diesem Zweck. Die mittelalterliche Produktion konnte ein natürliches Maß, bestimmt durch die Kräfte von Menschen, Tieren und einfachen Segelschiffen nicht übersteigen.

: A broad-wheeled waggon, attended by two men, and drawn by eight horses, in about six weeks time carries and brings back between London and Edinburgh near four ton weight of goods. In about the same time a ship navigated by six or eight men, and sailing between the ports of London and Leith, frequently carries and brings back two hundred ton weight of goods. Six or eight men, therefore by the help of water-carriage, can carry and bring back in the same time the same quantity of goods between London and Edinburgh, as fifty broad-wheeled waggons, attended by a hundred men and drawn by four hundred hoarses.
(Adam Smith, a.a.O. Chap. III, S. 24)

Mit großen, hochseetauglichen Schiffen im Verkehr mit den Kolonien und mit Wind- und Wasserkraft zum Antrieb von Maschinerie (Mühlen, Hammer-, Säge- und Bohrwerke) änderte sich dies. In einer Werkhalle konnten jetzt mehrere, auch schwere, von Hand kaum zu bewegende Geräte aufgestellt und "betrieben" werden. Die Dampfmaschine ermöglichte eine weitere Zentralisierung und Spezialisierung der Produktion in großen Produktionsstätten. Die Produktpalette dieser Werke war schmal, die Stückzahl aber groß. Die Produkte konnten weder dem Unterhalt der Produzenten noch einer Herrschaft dienen. Die Produkte waren, um ihre Verwender zu finden, in den Handel zu werfen, der wiederum nach großen Transportmitteln, Umschlagsystemen und Wegen verlangte. Die Gesellschaft entwickelte die Antriebs- und Transporttechnik bis hin zu Elektrizität, Eisenbahnen, Motorschiffen und Flugzeugen, sie erneuerte die angetriebene Maschinerie und die Werkstoffe, sie entwarf neue Produktlinien und dehnte die industrielle Warenproduktion auf jedwede Utensilie bis hin zum Wäschekorb aus Plastik, zur Zinkpille als Nahrungsergänzung und zur elektrischen Zahnbürste aus: Die Warenproduktion hat ebenso wie der Verbrauch an Ressourcen in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft einen Höhepunkt erreicht. Die Dinge werden nicht mehr als unmittelbare Subsistenzmittel einer kleinen Gruppe von Menschen oder als Tributleistung hergestellt. Alles, was sich technisch und gewinnbringend zu Waren machen läßt, wird zur Ware.

Bereits vor 150 Jahren resumierte Marx:

: Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.
(Das Elend der Philosophie, MEW 4, S. 130)

Die Informatisierung der Warenproduktion[3]

Mit der Ausdehnung der Warenproduktion konnten die Konstruktion und Steuerung der Maschinerie, die Planung großer Gebäude, das innerbetriebliche Wirtschaften und die Verbindung der Unternehmen zum Markt nicht mehr bloß in den Köpfen der Menschen abgewickelt werden, sondern mußten einen nachvollziehbaren, mitteilbaren, dauerhaften Niederschlag finden.

Daran lassen sich drei Hauptlinien aufzeigen, die zur Informatisierung, d. h. zur technischen, digitalen Speicherung, Übermittlung und Verarbeitung von Information, zu dieser weltumspannenden einzigartigen Informations- und Kommunikationsmaschine geführt haben:

Die industrielle Produktion benötigt industriell hergestellte Maschinen, deren bewegte Teile schneller als bei Handbetrieb laufen: die Verschleißfestigkeit muß höher sein, auftretende Kräfte erfordern hohe Paßgenauigkeit der Einzelteile, Stahl als Material wird nötig, seine Formgebung ist langwierig. Die Herstellung liegt in vielen Händen, die Übersicht in vielen Köpfen. Das verlangte nach sorgfältiger, d. h. geplanter und berechneter Konstruktion. Die Produktion, schon immer in den Köpfen der Produzenten gespiegelt, mußte nicht zuletzt wegen der Beschränktheit eines Individuums ein äußerliches, produziertes, dokumentiertes Spiegelbild in technischen Zeichnungen und Beschreibungen finden. In der Lochstreifensteuerung für Webstühle hat Jaquard zum ersten Mal eine technische Beschreibung, nämlich die eines Webmusters, informatisiert, was später beispielsweise in der numerischen Steuerung von Maschinen fortgesetzt wurde. Die realitätsnahe Simulation von Crash-Tests für eine am Computer entworfene Karosserie möge den erreichten Stand der Informatisierung bei der Konstruktion verdeutlichen. Künftig soll ein einheitliches, computergestütztes "Wissensmanagement" großtechnische Anlagen in ihrem gesamten Lebenszyklus von der Planung bis zum Abriß begleiten.

Die mittelalterlichen Kaufleute wußten um Überschüsse hier und Bedürfnisse dort und um Mittel und Wege, um beides zu verbinden: Durch ihr persönliches Wirken, ihre Reisen stellten sie den Zusammenhang und den gesellschaftlichen Bezug her. Die Händler benötigten und entwickelten neben dem eigentlichen Verkehr eine rationelle Kommunikation, eine virtuelle Verbindung des in der Warenproduktion räumlich, zeitlich und persönlich so weit Auseinanderliegenden. Die Entfremdung in der Warenproduktion einerseits und der gesellschaftliche Zusammenhang andererseits bilden einen Widerspruch, und so wird gleichzeitig mit der Entwicklung dieser Entfremdung und auf ihrem eignen Boden versucht, sie aufzuheben: Preislisten, Wechselkurse, Verbindungen der Handelstreibenden untereinander durch Briefe, Telegraphen etc. - die Kommunikationsmittel wachsen natürlich gleichzeitig -, worin jeder einzelne sich Auskunft über die Tätigkeit aller andren verschafft und seine eigne danach auszugleichen sucht. D. h., obgleich die Nachfrage und Zufuhr aller von allen unabhängig vor sich geht, so sucht sich jeder über den Stand der allgemeinen Nachfrage und Zufuhr zu unterrichten; und dies Wissen wirkt dann wieder praktisch auf sie ein. (Marx: Grundrisse. MEW 42, S. 94) Die Kommunikation wird mit Beginn der industriellen Produktion selbst industrialisiert: Optische Signalstrecken, Verkabelung von Kontinenten, Meeren, Ozeanen unter teils abenteuerlichen Umständen [4]. Telegraph und Fernschreiber markierten erste Schritte zu einer Informatisierung der Kommunikation. Im Weltmarkt hat sich der Zusammenhang des einzelnen mit allen, aber auch zugleich die Unabhängigkeit dieses Zusammenhangs von den einzelnen selbst zu einer solchen Höhe entwickelt, daß seine Bildung zugleich schon die Übergangsbedingung aus ihm selbst enthält. (Hervorhebung bei Marx, S. 94, 95) Die erreichte Unabhängigkeit dieses Zusammenhangs von den Individuen und seine Versachlichung, das ist heute die Informatisierung der Verbindung von Unternehmen und Markt, wie sie in dieser Werbung von IBM ausgedrückt wird: Es muß schon eine starke Software sein, die den Kunden ihres Kunden mit dem Lieferanten Ihres Lieferanten verbindet. (Computer Zeitung, 11. Mai 2000).

Der dritte Bereich einer Informatisierung betrifft das betriebliche Wirtschaften, die Organisierung der Produktion selbst: Buchhaltung der Finanzen, der Materialien und der Läger, Bestellungen, Pflege, Wartung und Reparatur von Maschinen, Investitionen, Arbeitsvorbereitung, NC-Programmierung, Maschinen- und Personaleinsatz, Lohnbuchhaltung. Dieses innerbetriebliche Wirtschaften berührt sich einerseits mit der Konstruktion von Geräten und Anlagen, andererseits mit der Verbindung zum Markt, wenn es um Lieferungen, Bestellungen, Einkauf, Verkauf und Zahlungen geht. Beginnend mit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert wurden die betrieblichen Vorgänge schrittweise informatisiert, indem Lochkarten, Adrema und später Buchungsautomaten eingesetzt wurden. Standardanwenderprogramme, Datenbanken, Geschäftsprozeßmodelle, Workflow-Systeme und Computer-supported-collaborative-work setzen diese Entwicklungen heute fort.

Vernetzung pro und contra Tauschwert

Die Organisierung von Konstruktion, Produktion und Handel war lange Zeit nur ein notwendiges Zubehör der kapitalistischen Vervollständigung der Welt. Seit 30 Jahren wird die - weit verstandene - - Organisationstechnik zu einem eigenen, besonderen, enorm wachsenden Element der kapitalistischen Warenproduktion entwickelt. Die Möglichkeiten, die drei Zweige Konstruktion, Produktion und Kommunikation zusammenzuführen und auf eine einheitliche Grundlage zu stellen, sind erheblich gestiegen - und sie werden genutzt. "Im heutigen globalen Wettbewerb ist das Wissen in seiner Relevanz für die Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr zu überbieten. Das richtige Wissen zur richtigen Zeit am richtigen Ort kann heute den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen. Da diese Umstände jedoch nur selten gegeben sind, gilt es, aus Datenbanken, Online-Diensten, Inter- und Intranet das relevante Wissen herauszufiltern und zusammen mit dem unternehmensinternen Erfahrungs- bzw. impliziten Wissen in Wissensdatenbanken zugänglich zu machen," wirbt die Management Circle GmbH im Mai 2000 für eine Schulung, wo auch der "Head of Intranet" der Deutschen Bank referieren soll. "Pures Gold wert," liest man an anderer Stelle, "sind die Informationen, die Datenmineure aus dem Internet filtern." Vernetzung soll Produktion und Absatz von Tauschwerten stützen, Vorteile im Wettbewerb einbringen, also isoliertes, privates und trotzdem bedarfsgerechtes, auf die Gesellschaft gerichtetes Produzieren ermöglichen. Obgleich alles dies auf dem gegebnen Standpunkt die Fremdartigkeit nicht aufhebt, so führt es Verhältnisse und Verbindungen herbei, die die Möglichkeit, den alten Standpunkt aufzuheben, in sich einschließen. (MEW 42, S. 94)

Nach diesem Rückblick auf Marx kann man wieder "online gehen": Unternehmen verbinden sich elektronisch mit Kunden, Verbrauchern, Konsumenten, und zwar gleichgültig, ob es individuelle Endverbraucher oder andere Unternehmen sind, bei diesen wiederum gleichgültig, ob die in der technischen Kommunikation vermittelten Produkte als Betriebsmittel oder als Vorprodukte in der weiteren Fertigung genutzt werden. Wettlauf um Kunden, Customer-relationship-management, Manufacturing-on-demand, Katalogmanagement, Kundenfocus als Wettbewerbsfaktor sind einige der Stichworte, unter denen weitere Vernetzung angesagt ist, die auch Lieferanten mit einbezieht, wo als weitere Stichworte genannt werden: Industriestandards für den Datenaustausch wie etwa CORBA, Supply-chain-management, Lieferung just-in-time und just-in-line, unternehmens- und lieferantenübergreifende Geschäftsprozesse, integrierte Vertriebs-, Produktions- und Logistikprozesse, Supply-chain-management, E-commerce mit business-to-business und business-to-customer und schließlich virtuelle Unternehmen.

Etwa 1972 ist diese Entwicklung im zivilen Bereich mit dem Bankensystem SWIFT in Gang gekommen. SWIFT ermöglichte es den Banken, den Rhythmus im internationalen Zahlungsverkehr, der heute bei einer halben Stunde liegt, auf unter einen Tag zu verkürzen. Kurz danach wurde das Abkommen von Bretton Woods zur Kontrolle des internationalen Kapitalverkehrs aufgegeben. Einerseits führten die Schulden der USA, die diese zur Finanzierung des Vietnamkrieges machten, zu einem andauernden Abfluß ihrer Goldbestände. Andererseits hätte jene Kontrolle das Kapital an der technisch ermöglichten schnelleren Zirkulation gehindert. Dieser Trend, die Zirkulation zu beschleunigen oder das in der Zirkulation gebundene Kapital zu vermindern (und dadurch die Profitrate zu steigern), wurde in den folgenden Jahren mit Hilfe der Datenverarbeitung erheblich verstärkt. Beispielsweise bindet ein großes Lager Kapital und birgt die Gefahr, daß Lagerbestände unbrauchbar und das in ihnen vergegenständlichte Kapital entwertet werden. Bei hohen Lagerbeständen sind Produktion und Verbrauch nicht aufeinander abgestimmt.

Zum anderen führt die durch Vernetzung bewirkte Verkürzung der Innovationszyklen zu einer Verschärfung des Wettbewerbes. Es entsteht ein sich selbst verstärkender Prozeß, da der so verschärfte Wettbewerb wiederum eine Tendenz zu stärkerer Vernetzung auslöst: Die Wettbewerber suchen einen zeitlichen Vorsprung gegenüber den sich auch vernetzenden Konkurrenten (...) zu erzielen.[5]

Der hierin ausgedrückte Widerspruch geht noch viel tiefer: Die Unabhängigkeit der unabhängig betriebenen Privatarbeiten soll durch Information und Kommunikation zurückgedrängt werden, ohne die Privatheit aufzuheben. Die Privatheit und die mit ihr verbundene Konkurrenz verlangen umgekehrt darnach, Information zurückzuhalten, nicht alles Wissen preiszugeben, um die Unabhängigkeit zu wahren. Als Arbeitnehmer werden die Menschen in den Betrieben zunehmend darauf geschult, das Wie und Was der Produktion kooperativ zu klären und auf technisch gespeicherte Information zurückzugreifen. Als individuelle Konsumenten sollen sie sich mit halber Sache zufriedengeben, obwohl sie nur ein Paßwort weit von der Gebrauchsinformation entfernt sind. In fusionierenden Unternehmen wird die Informationsbasis mit großem Aufwand vereinheitlicht; fremde Datenbestände sollen mit einem Mal zugänglich und genutzt werden. Beim outsourcing läuft es umgekehrt: Was gestern gemeinsame Information war, darf heute dem früheren Kollegen nicht mehr zugänglich sein. Die Konkurrenz der Kapitale wird seltsame Blüten treiben.

Dieser Trend wird solange anhalten, solange die Zirkulationszyklen verkürzt, durch ein Mehr an Produktinformation Marktanteile gewonnen und durch Serviceinformation Kunden gehalten werden können - und bis jeder am Internet hängt. Weil gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern die Versorgung mit Telefonen weit unter dem Standard der Industrieländer liegt, ist mit solch milliardenschweren Investitionen (Satellitentelefonie, W. G.) dennoch ein Geschäft zu machen.[6]

Die Informations- und Kommunikationstechnik wird nolens volens in Richtung Aufhebung der Warenproduktion entwickelt. Nolens - weil die Macher dieser Technik die Aufhebung der unabhängig voneinander betriebenen Privatarbeiten und der Warenproduktion nicht im Sinn haben, sondern nur für sich selbst perfektionieren wollen. Volens - weil die Macher ideologisch, praktisch und technisch alles zu dieser Aufhebung vorbereiten und aufgrund der ökonomischen Zwänge gar nicht anders können: die private Perfektionierung der Warenproduktion durch Vernetzung wird Ware und allen Konkurrenten gleichermaßen zugänglich.

Die Produktion von Tauschwerten ist darin noch nicht aufgehoben. Im Gegenteil, man bemüht sich "nur" um ihre Vervollkommnung. Es fließt also nach wie vor Geld, "natürlich" elektronisches Geld, leichter herzustellen - und auch zu fälschen - als Banknoten. "Natürlich" will der Konsument im Internet Information finden: Stadt- und Fahrpläne, Hotelführer für seine Reisen, Kochrezepte, Gesundheitsdaten und medizinische Beschreibungen. Der Konsument surft zur Schnäppchenjagd über den Globus: Wo sind heute Laptops am billigsten? Wo auf der Welt findet man ein bestimmtes Produkt, etwa das vermaledeite Lämpchen für die Hintergrundbeleuchtung eines Flüssigkristalldisplays, das seinen Geist aufgegeben hat? Gibt es einen Testbericht für ein bestimmtes Produkt, eine genauere Beschreibung des Produkts? Ist eine Aufbauanleitung zu finden? Wer sind die Konstrukteure? Ließe sich mit ihnen über eine konstruktive Änderung verhandeln? Das sind einige Fragen, die die Konsumenten an das Internet stellen, zum großen Teil noch sehr spontan, individualistisch, untrainiert im Umgang mit diesem Medium, aber dauernd die Grenzen ertastend und darüberhinaus drängend. Man fragt eine anonyme, universelle Fachmaschine, die maschinell antwortet, und man bestückt sie - freiwillig oder auch unwissend - mit eigener Information.

In der Freizeit wird sich der Umgang mit dem Netz prinzipiell nicht von dem während der Arbeitszeit unterscheiden. Zwar sind die Zugänge in der Freizeit zu bestimmten Informationen aus der Produktion derzeit beschränkt, aber nur weil die Produktion zwanghaft privat, isoliert, unabhängig von der Gesellschaft gehalten wird, weil die Produktion Tauschwerte hervorbringen soll, die zuerst einmal - dummerweise - erst ihren Wert realisieren, verkauft werden müssen, bevor sie brauchbar werden. Andererseits wird in den Betrieben, in der Organisation der Produktion vermöge Vernetzung alles unternommen, um die Produktion äußerst zweckmäßig zu gestalten: Kein Teilprodukt wird als Wert auf einen innerbetrieblichen Markt geworfen, um seinen Wert zu realisieren, sondern es ist ein geplantes Stück des Ganzen, das in dem Ganzen verwendet, eingefügt, konsumiert wird. Die Tätigkeiten der Produzenten sind ganz auf diese Verwendbarkeit hin organisiert. Im Supply-chain-management führen Organisation und Planung über den Betrieb hinaus bis zu den Zulieferern einschließlich des Entwurfs extern zu produzierender Teile und des sie umfassenden Ganzen.

Diese Vorgänge sind hochgradig informatisiert, das heißt digital und vernetzt. Sicherlich ist diese Vernetzung noch nicht vollständig, aber die Konkurrenz um die Realisierung der Tauschwerte erzwingt es, diese Vernetzung ständig zu erweitern und bis in den Freizeitbereich zu öffnen. Wenn die Individuen als Produzenten die Informatisierung vervollständigen und vollständig nutzen sollen, um konkurrenzfähige Tauschwerte zu produzieren, so werden die Individuen als Konsumenten mittels der Vernetzung günstig an günstige Tauschwerte heran kommen wollen. Oder, wie Thilo Weichert in Bezug auf die Grundrechte schreibt: Es geht vor allem um die Neudefinition der sozialen Rollen der Menschen in einer neuen informationstechnisch global gewordenen Umwelt. Informationelle Selbstbestimmung setzt Zugang zu Informationen und deren demokratische Nutzung voraus. (Grundrechte in der Informationsgesellschaft - vergiss es? In: Datenschutz Nachrichten 1/2000, 5-7)

Die Tätigkeiten aller einzelnen bilden den Weltmarkt, der sich gegenüber dem einzelnen mit der Fortentwicklung des Tauschwerts und seiner Geldverhältnisse verselbständigt hat. Die Konsumierenden und Produzierenden werden unabhängiger und gleichgültiger zueinander, während Produktion und Konsumtion zusammenhängender und abhängiger werden. Virus-Attaken im Internet und die Möglichkeiten eines Information-war unterstreichen den hergestellten Zusammenhang und die persönliche Gleichgültigkeit. Der Zusammenhang ist durch und durch materiell und findet in der Vernetzung ein virtuelles Spiegelbild, das zugleich einen ganz materiellen Apparat bildet: Der Zusammenhang wird technisiert, mechanisiert, maschinisiert; er wird ein allseits zugängliches, ein allgemeines und gleichzeitig ein einziges Gerät. Zusammen mit den Transportmitteln ergeben sich neue Verkehrsverhältnisse, die auf den Punkt zuführen könnten, von dem an nicht mehr einsichtig ist, warum isoliert, unabhängig voneinander und aneinander vorbei produziert werden soll, obwohl die Produktion sichtlich vernetzt ist, obwohl die Pflege der "Customer-relationship" auch die Konsumtion mit der Produktion verbindet sowie Konsumenten und Produzenten - diese zwei Seiten der Individuen - miteinander diskutieren läßt. Soll man die Produktion weiterhin in Isolation und Unabhängigkeit halten und dadurch zufällige und schwankende Austauschverhältnisse provozieren, wo man andererseits mittels Informatisierung und Vernetzung der Produktion alles unternimmt, um diese Zufälle und Schwankungen auszuschließen? Von dem Moment an, wo diese Frage zu verneinen ist, wird für den Tauschwert die Sinnfrage gestellt. Oder in Marx' Worten: Es kann also nichts falscher sein, als auf der Grundlage des Tauschwerts, des Geldes, die Kontrolle der vereinigten Individuen über ihre Gesamtproduktion vorauszusetzen. (MEW 42, S. 92) Die Produktion von Tauschwerten wird dann keinen Sinn mehr machen, wenn individuelles, lokales, regionales Wissen sowie die Darstellung des produktiven Vermögens in einer überall zugänglichen Informationsmaschine verfügbar sind, wenn jedes Individuum auf diesen Schatz an Information zugreifen und sich zweckgerichtet mit anderen zu praktischem Tun verabreden kann - und zur Sicherung seines Lebensunterhalts auch muß. Virus-Attacken und Information-war dürften in einer solchen Gesellschaft keine Vorteile mehr einbringen; die Verursacher würden sich selbst schaden.

Zur Aufhebung der Warenproduktion

Persönliche Abhängigkeitsverhältnisse - zuerst ganz naturwüchsig - sind die ersten Gesellschaftsformen, in denen sich die menschliche Produktivität entwickelt, jedoch nur in geringem Umfang und isoliert, schreibt Marx (MEW 42, S. 91). Diese Verhältnisse wurden, wie eingangs skizziert, in der Neuzeit aufgelöst. Persönliche Unabhängigkeit, auf sachlicher Abhängigkeit gegründet, ist für Marx die zweite Form, gegeben in der kapitalisitischen Gesellschaft, worin sich erstmals ein System des allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels, der universellen Beziehungen allseitiger Bedürfnisse und universeller Vermögen gebildet hat (ebd).

Die Notwendigkeit (in der zweiten Form, W.G.), Produkt und Tätigkeit der Individuen erst in Tauschwert, in Geld, zu verwandeln, und daß sie erst in dieser sachlichen Form ihre gesellschaftliche Macht erhalten und beweisen, beweist zweierlei: 1. daß die Individuen nur noch für die Gesellschaft und in der Gesellschaft produzieren; 2. daß ihre Produktion nicht unmittelbar gesellschaftlich ist, nicht das Ergebnis ihrer Assoziation, die die Arbeit unter sich verteilt. Die Individuen sind unter die gesellschaftliche Produktion subsumiert, aber die gesellschaftliche Produktion ist nicht unter die Individuen subsumiert, die sie als ihr gemeinsames Vermögen handhaben. Die gesellschaftliche Produktion besteht als ein Verhältnis außer ihnen.

(Hervorhebung bei Marx, S. 92)

Innerhalb dieser Form, der auf dem Tauschwert beruhenden Gesellschaft erzeugt diese sowohl Verkehrs- als auch Produktionsverhältnisse, die den Schritt auf die dritte Stufe gestatten (S. 93), die Marx so charakterisiert: Freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens, ist die dritte Stufe. (S. 91)

Das folgende ist dieser Marx'schen Prognose über die dritte Stufe gewidmet, auf der die Produktion von Tauschwerten entfällt. Die Warenproduktion wird nicht durch Dekret aufgehoben (Das Elend der Philosophie, MEW 4, S. 159), sondern um dorthin zu gelangen, muß es Mittel und Wege geben, mit denen man Mängel in der Produktion der Waren und Kraftakte bei ihrem Austausch vermeiden kann, ohne sich neue und gröbere Mängel und Kraftakte einzuhandeln. Anderes wäre - nach Marx - Donquichoterie (S. 93). Will man enttäuschenden Austausch der Waren vermeiden, so ist zuvor untereinander zu verabreden, was wie und wozu zu produzieren ist. Diese Planung ist zeitaufwendig und wird nur in dem Maß geleistet, wie sie möglich ist und wie sich ein Nutzen erwarten läßt, wie sich ein Vorteil gegenüber weniger verbundener, isolierter Arbeit einstellt. Die Verabredungszeit gehört zur Arbeitszeit in der Produktion. In dem Maß, in dem diese Gesamtarbeitszeit unter derjenigen bei isolierter Arbeit liegt (einschließlich der Behebung der Schäden, die Zufälle und Konkurrenz beim Austausch der Produkte hervorrufen), und in dem Maß, in dem die verabredeten Tätigkeiten zumindest zu gleich nützlichen Produkten führen, werden solche Verabredungen getroffen. Die Vernetzung scheint, wie oben dargelegt, auf solche Verabredungen hinzuführen, die Marx den "Austausch von Tätigkeiten" anstelle von Produkten nannte. Der Austausch von Tätigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse und Zwecke bestimmt sind, ist kein Austausch von Tauschwerten und schließt von vorneherein die Teilnahme des einzelnen an der gemeinschaftlichen Produktenwelt ein. Sein Produkt wird nicht erst in eine besondere Form - - Geld - umgesetzt, um einen allgemeinen Charakter für den einzelnen zu erhalten. Seine Arbeit ist von vorneherein gesellschaftlich (S. 104, 105), weil mit anderen Individuen verabredet, die sich ihrerseits mit weiteren verabreden usw:

So naheliegend der Umkehrpunkt der Produktionsweise hier gezeichnet erscheinen mochte, so schwierig dürfte der Weg sein, der bis dahin zu beschreiten wäre. Ein virtuelles Unternehmen beispielsweise, verteilt über den Globus, kann Grandioses planen, konstruieren und dessen Bau managen: Das größte Flugzeug, den höchsten Wolkenkratzer, die längste Brücke. Doch alle Operationen im Netz sind virtuell, flüchtig wie ein Mausklick. Nur die Bauarbeiter, die aus allen Ländern kommen, vermögen dem virtuellen Unternehmen realen Sinn zu geben, indem sie die Brücke über den Sund schlagen. Wenn diese Produzenten gemeinsam mit allen andern Individuen zugleich ihre eignen "virtuellen" Unternehmer wären, dann könnte man wohl sagen, daß "die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens" stattgefunden hat, wenn auch dieses neue Verhältnis nicht total sein kann, denn die universelle Informationsmaschine, auf die sich abstützen, läßt sich individuell immer nur beschränkt, partiell nutzen. Die Individuen können trotz aller Informiertheit keine absoluten Verabredungen treffen, sondern nur relativ richtige, einigermaßen zweckmäßige. Ihre verabredeten Tätigkeiten werden darum zu Widersprüchen führen, die jedoch von anderer Natur sein dürften, als die Widersprüche, die zu erleben sind, wenn Tauschwerte post festum gegen einander gerückt werden (vgl. Wolf Göhring: Informationsurwald ).

Gemeinschaftlicher Plan, Dialektik von Abgrenzung und Zusammenhang [7]

Indem sich die Individuen mit anderen verabreden, die sich ihrerseits mit weiteren verabreden usw:, entwickeln sie einen gemeinschaftlichen Plan wie Marx ihn verschiedentlich nannte, der Dreh-und Angelpunkt für die Individuen ist und worin sie sich bewußt gesellschaftlich betätigen. Der Plan wird inmitten der Gesellschaft erzeugt, er ist in dieser Weise gesellschaftlich und zentral, nicht zu verwechseln mit einem zentralistischen oder mit einem totalen Plan. Es genügt nicht, daß der Plan von einer Gruppe von Individuen stellvertretend für die andern erzeugt wird, er wäre nicht gesellschaftlich. Kein Individuum erhält Planvorgaben von anderen, die es zu erfüllen hätte; die einzige "Vorgabe" resultiert aus seinen eigenen Bedürfnissen. Sie zu erfüllen muß er sich mit anderen über die dazu notwendigen Tätigkeiten verabreden.

Im Plan werden Zusammenhänge hergestellt: zwischen individuellen Tätigkeiten, Produktionsmitteln, Rohstoffen, Einzelteilen, um Leistungen und Produkte zu erhalten. Beim Entwurf einer Maschine, Anlage oder eines sonstigen Produkts bezieht sich der Plan vor allem auf die Gestaltung anhand von Einzelteilen. Bei der Produktion geht es darum, diese Teile in einzelnen Arbeitsgängen aus einfacheren oder anderen mit geeigneten Mitteln herzustellen und zusammenzufügen, darunter können auch chemische Prozesse sein. Beim Austausch fertiger Produkte werden Käufer und Verkäufer zusammengebracht und das Produkt vom Ort der Herstellung zum Ort seines Verbrauchs geschafft. In allen drei Bereichen werden zweckmäßige Zusammenhänge unter Beteiligung der Individuen hergestellt. Ebenso bestehen zwischen diesen Bereichen Zusammenhänge: Es wird nicht wild drauflos produziert, sondern Produkte und Leistungen werden nach einem Konstruktionsplan, nach einem Entwurf, nach einer Methode realisiert. Und das, was sich auf dem Markt wiederfindet, wurde nicht zufällig am Wegrand gefunden, sondern ist Produkt vorangeganger, in sich geplanter Produktion und Konstruktion.

Der Plan ist, so objektiv er ist, kein einzelnes Objekt, das irgendwo, wen er fertig ist, auf eine große Tafel gepinnt wird, nach dem sich dann 6 Milliarden oder mehr Menschen richten wollen. Der Plan kann nur aus einer Vielzahl einzelner, aber bewußt lose ineinander verschränkter Teilpläne bestehen, die auch keinesfalls zum gleichen Zeitpunkt den gleichen Reifegrad haben: Der eine ist soweit fertig, daß man danach handeln kann, bei dem andern fängt man mit ersten Überlegungen an. Ein Individuum kann nur das für sich überschaubare realisieren - woraus Widersprüche zu dem entfernteren entstehen. Diese Widersprüche können und werden bewußt in Kauf genommen werden, sie führen zu einer Weiterentwicklung. Entscheidend ist, daß der verabredete Austausch von Tätigkeiten so viel Sicherheit und Komfort bietet, daß nicht doch Hoffnung besteht, durch den Austausch fertiger Produkte etwas besser wegkommen zu können. Die Teilpläne selbst sind Erzeugnisse, Produkte menschlicher Tätigkeit, aber nicht um diese Produkte auszutauschen. Pläne machen nur Sinn, haben Gebrauchswert nur für diejenigen, die sie gemeinschaftlich entwickelt haben und die auf dieser Grundlage gemeinschaftlich tätig sein wollen.

Zur Illustrierung der Unmöglichkeit eines einzigen, allumfassenden totalen Plans sei eine Anleihe in der Geometrie gemacht: Jeder kennt einen Atlas, der auf vielen Kartenblättern die Erdoberfläche zeigt. Versucht man die Darstellung auf einem einzigen, so geht das nur, indem man zusammenhängendes auseinanderreißt, ähnlich so wie man eine Apfelsine schält. Trotzdem kann man die kugelförmige Erdoberfläche getreu auf ebenem Papier darstellen. Man muß nur darauf verzichten, es gewaltsam auf einem Blatt zu versuchen; es genügen zwei. Bei komplizierteren Gebilden wie einer Brezel muß man noch ein paar Blatt hinzunehmen.[8]

Der Computer wurde zunächst gezielt für die Konstruktion entwickelt: Konrad Zuse wollte Tragflächenprofile für Kampfflugzeuge berechnen. John von Neumann ging es um die Berechnung der Kettenreaktion für die Atombombe. Mit Beginn des Korea-Krieges ließen US-amerikanische Behörden durchrechnen, ob die Wirtschaft für eine vollständige oder nur für eine Teilmobilmachung gerüstet wäre. Das Rechenergebnis lautete auf Teilmobilmachung. Kurze Zeit später entdeckte auch IBM den Computer als nützliches Produkt und vermarktete ihn für Buchhaltungs- und Planungsaufgaben. Neben zivilen Anwendungen standen immer auch die militärischen, zwei Beispiele seien genannt: Im Vietnamkrieg versuchten die USA ihre Bomberflotten vom Terminal aus zu dirigieren und die Gefechtsfeldlage auf Bildschirmen und Projektionsleinwänden (fast) on-line darzustellen. Die BRD lieferte seinerzeit Computer an die Kriegsmarine der Republik Südafrika, um den gesamten Schiffsverkehr um das südliche Afrika zu kontrollieren und in ein System der NATO einzuspeisen - trotz UN-Embargo gegenüber Südafrika. In beiden Fällen ging es technisch-formal darum, Zusammenhänge durch Vernetzung sichtbar und kontrollierbar zu machen. Auf der zivilen Seite entstanden seinerzeit mit dem Bankennetz SWIFT und mit den Buchungssystemen der Luftlinien die ersten weltumspannenden digitalen Netze und Informationssysteme - nach Telegrafie und Fernschreiber.

Es ist kein Zufall, daß der Computer und mit ihm die Informations- und Kommunikationstechnik in den genannten Bereichen so gut einsetzbar sind. Es geht stets darum, Zusammenhänge zwischen abgegrenzten Dingen und Personen darzustellen; in vielen Fällen auch die Veränderungen der Dinge und Zusammenhänge. Der Computer wurde konstruiert, um solche Verhältnisse darstellen und kalkulieren zu können. Dabei ging es nicht darum, ein einziges Mal ein bestimmtes Verhältnis darzustellen, sondern Verhältnisse überhaupt, um bei Bedarf das jeweilige im Computer durchspielen zu können. Mit Bit und Algorithmus, mit der großen Zahl an Bits und mit der hohen Rechengeschwindigkeit, mit der hohen Stückzahl und mit der Vielzahl der Verbindungen ist der Computer oder - allgemeiner: die Informations- und Kommunikationstechnik die Technik geworden, um all die skizzierten Planungsaufgaben zu unterstützen. In Bit und Algorithmus ist die Dialektik von Abgrenzung und Zusammenhang rein dargestellt, eine Dialektik, die sich in allen genannten Planungsaufgaben wiederfindet. In der Verbindung mit den Individuen, die diese Technik entwickeln, produzieren, installieren und anwenden, haben wir es mit einer neuen Produktivkraft zu tun: Der Produktivkraft der Planung.

Diese Dialektik verweist auch auf Grenzen. Die Darstellung eines Zusammenhangs ist ein neues Ding. Offenkundig ist dies an einer technischen Zeichnung, bei einem Atlas von Karten der Erdoberfläche, an einem Holzmodell eines geplanten Stadtviertels. Diese Dinghaftigkeit gilt auch für Modelle im Computer. Aber jedes Ding steht im Zusammenhang mit dem ROW, "rest of the world". Modell und Plan können daher aus logischen Gründen nie vollständig sein! In der Praxis wird der Zusammenhang des Plans mit der Wirklichkeit, der einen Zusammenhang einer gedachten Wirklichkeit zeigt, durch die tätigen Individuen hergestellt.

Ein mehr technisches Argument spricht ebenfalls dagegen, übergroße Pläne machen zu wollen. Nehmen wir das Beispiel des Handlungsreisenden, der eine Reihe von Städten bereisen will und dazu die kürzeste Route sucht. Das ist eine typische "kleine" Planungsaufgabe. In der Praxis zeigt es sich, daß sie sehr "zäh" ist. Sie ist, wie man mittlerweile weiß, der Prototyp für tausende, zunächst ganz verschieden aussehende Planungsaufgaben, allesamt aber ähnlich zäh. Die Aufgabe ist für zwei oder drei Städte banal, kinderleicht. Bei zehn ist sie tückisch, und bald wird sie praktisch unlösbar, zumindest kann es bis zum Tod der Enkel des Handlungsreisenden dauern, bis die optimale Lösung gefunden ist. Der Rechenaufwand zur Suche der kürzesten Route verdoppelt sich, wenn nur eine Stadt hinzukommt.[9] Aber, so haben die Tüfftler herausgefunden, eine Lösung, bei der man zufrieden ist, wenn die Route höchstens doppelt so lang als die kürzeste wäre, ist schnell gefunden.

Schlußbemerkung

Die skizzierten Zusammenhänge lassen ein Bild erkennen, das sich weit von den sonst gezeichneten unterscheidet. Die "Zukunft der Arbeit" sieht anders aus, als wenn sie nur mit Blick auf die Produktion von Tauschwerten erörtert wird, denn Lohnarbeit und Arbeitslosigkeit werden entfallen, wenn die Individuen die gesellschaftliche Produktion "als ihr gemeinsames Vermögen handhaben". Die kapitalistische Produktionsweise, in scheinbar unbesiegbarer Höhe, produziert in der Informationstechnik die Mittel ihrer eigenen Aufhebung und animiert zu Verknüpfungen in der Produktion, die den Tauschwert antiquiert erscheinen lassen können. Gleichwohl erlaubt das gegebene Bild kein geduldiges Abwarten, bis die Zeit die Verhältnisse irgendwie neu geordnet hat. Hunger und Armut, 800 Millionen Arbeitslose und Unterbeschäftigte, die ökologischen Probleme und die Kriege auf dieser einen Erde drängen nach Lösungen. Die Widersprüche, mit denen die kapitalistische Ökonomie jedes Individuum überhäuft, lassen jedes Individuum nach persönlichen Auswegen suchen. In dieser Weise geht die Entwicklung naturwüchsig voran.

Zu klären wäre, welche besonderen Zweige der Informations- und Kommunikationstechnik, welche Anwendungen, welche theoretischen Fragen besonders zu behandeln wären, um mehr Aufschluß über die skizzierte Entwicklung zu gewinnen. Dabei wären auch die Bildung, die Sozialleistungen bei Kindheit, Krankheit und Alter und die Gesundheitssysteme einzubeziehen. Diese sollten weder in Übergangsperioden noch späterhin zu Bruch gehen; ihr solidarischer Charakter muß Bestand haben.

Ausgespart wurden in diesem Papier bürokratische Kontrollstrukturen, die mit der Informatisierung enorm anwachsen; ebenso die militärische Informatisierung. Die Gefahr von Monopolisierungen wurde hier nicht näher behandelt, wenngleich es auch eine Gegenbewegung gibt, indem sich das Kapital immer wieder aufspaltet, um die profitabelsten Produktionslinien herauszufinden. Es ist hier auch nichts zu nachhaltigem Wirtschaften10, zu den besonderen Bereichen der Rohstoff- und Nahrungsgewinnung, zu einer notwendigen Vorratswirtschaft, zu den bestehenden umfassenden Verkehrssystemen wie Straßen, Bahnen, Luftfahrt, Nachrichtensatelliten geschrieben worden.

Und überhaupt: Wie käme man in einer Gesellschaft, in der es nichts mehr zu kaufen gäbe, zu einem Paar Socken? Die Skizze möge anregen, auch solche "weißen Flecken" zu behandeln.


[1] Vgl. Karl Marx: Das Kapital, Band I, MEW 23, S. 49-118 und ders.: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42, S. 89-95.

[2] The word value, it is to be observed, has two different meanings, and sometimes expresses the utility of some particular object, and sometimes the power of purchasing other goods which the possession of that object conveys. The one may be called value in use', the other value in exchange'. Adam Shmith, Wealth of Nations, Prometheus Books, New York 1991, Chap. IV, S. 34,35.

[3] Zu diesem Abschnitt vgl. auch: Peter Brödner: Fabrik 2000: Alternative Entwicklungspfade in die Zukunft der Fabrik. Edition Sigma Bohn, Berlin 1985; Andreas Boes: Zukunft der "Arbeit" in der Informationsgesellschaft. In: Jörg Becker, Wolf Göhring (Hg.): Kommunikation statt Markt: Zu einer alternativen Theorie der Informationsgesellschaft. GMD-Report 61, Sankt Augustin 1999, S. 53-66; Wolf Göhring: Informationsurwald. Marxistische Blätter 6-99, S. 57-63; ders.: Entwicklung von Personalinformationssystemen im Widerstreit von Interessen. Unveröff. Manuskript. Sankt Augustin 1982/1991, 64 Seiten

[4] Werner v. Siemens: Lebenserinnerungen. Reclam, Leipzig 1943. Erstauflage ca. 1890.; George Kennan: Zeltleben in Sibirien (Tentlife in Sibiria) Bibliographisches Institut. Leipzig und Wien, ca. 1890.

[5] Peter Buxmann et al., aaO., S. 199

[6] Satelliten im Erdorbit: Telefon, Fernsehen und Aufklärung im Weltall, Prospekt einer Veranstaltung von Haus der Technik e. V. am 22.6.1999 in München

[7] In diesem Abschnitt schreibe ich erstmals einige Gedanken auf, die ich schon länger im Kopf hatte. Manches ist deshalb noch etwas roh, vielleicht auch mißverständlich, vieles sicher auch ziemlich ungenau. Ergänzender Stoff ist in "Informationsurwald" zu finden, siehe http://ais.gmd.de/~goehring.

[8] Die erforderliche höhere Mathematik dazu findet man in der Topologie und Differentialgeometrie.

[9] In der theoretischen Informatik hat man, nachdem man einige Planungsaufgaben in den Computer gesteckt und explodierenden Aufwand feststellte, eine Theorie der Komplexität von Rechenaufgaben entwickelt. Die Aufgabe des Handlungsreisenden gehört in die Gattung der sogenannten NP-vollständigen Probleme. Ein offenes, mathematisches Problem ist heute der formelle Nachweis, daß der Rechenaufwand bei NP-vollständigen Problemen tatsächlich wie oben im Text behauptet, exponentiell wächst. Ohne daß dieser Beweis vorliegt, geht man heute aber allgemein davon aus, daß dem so ist. Die Komplexität praktischer Aufgaben und praktischer Lösungsverfahren wird heute in der Informatik regelmäßig untersucht, gleichwohl sind diese Fragen "sperrig", d. h. auch komplex.

10 In dem Papier "The productive information society: a basis for sustainability" hat der Autor die skizzierte Entwicklung mit nachhaltigem Wirtschaften in Verbindung gebracht. Außerdem: Nachhaltigkeit und Warenproduktion (siehe auch: http://ais.gmd.de/~goehring)

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Mittwoch, 4. Juli 2001

Ökonomien, die nicht der gegenseitigen Konkurrenz verpflichtet sind.