Knappheit

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Derjenge, der als Erster eine Menge von Gütern akkumuliert als Schutz vor der Ungewißheit der Zukunft, muss auch automatisch damit anfangen, sein Vermögen gegen jedermanns Neid und Begehrlichkeit zu verteidigen. Wenn eine Gesellschaft sich um die Knappheit sorgt, wird sie gleichzeitig eine Umwelt entwickeln, wo man mit guten Gründen Angst vor der Knappheit hat. Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung!

Ausserdem lebten wir lange Zeit in dem Glauben, dass wir Knappheit schaffen müssen, um Werte zu erzeugen. Obgleich dies in einigen materiellen Bereichen zutrifft, extrapolieren wir dies in andere Bereiche, wo dies einfach nicht der Fall ist. Bspw. gibt es nichts, was uns daran hindern würde, die Information frei (=kostenlos) zu verteilen. Die marginalen heutigen Kosten der Information tendieren praktisch gegen Null. Nichtsdestoweniger erfinden wir das Copyright und Patente in der Absicht, sie knapp zu halten.

Es ist sehr wichtig, zwischen "begrenzt" und "knapp" zu unterscheiden. Während die Begrenztheit von stofflichen Dingen naturale Eigenschaft sein kann, ist die Knappheit stets eine gesellschaftlich produzierte. Meine These ist, dass es eine gesellschaftliche Organisationsform geben kann, die so mit Begrenztheiten umgeht, dass Knappheit nicht mehr auftritt.

Diskussion

Die Vorsorge von Bauern in nördlichen Gegenden für den Winter, aus der Sorge um die Knappheit an Nahrung für Vieh (Heu) und Mensch (Käse, Selchspeck, Sauerkraut, ...) hat keinesweg zu einer Umwelt geführt, in der man gesteigerte Angst vor Knappheit haben musste. Im Gegenteil, diese Vorsorge hat den Menschen Sicherheit gegeben und ihre Lebenschancen erhöht.

Billige Informationsverteilung ist schön, aber nicht relevant. Auch die Milch im Supermarkt könnte man problemlos gratis verteilen. Die Frage ist nur, wer unter diesen Bedingungen Interesse hat, Informationen oder Milch oder technische Lösungsbeschreibungen zu produzieren. Dies scheint eine Frage der Situation zu sein, vielleicht könnte ja auch Milch weitgehend durch Produktwerbung (MERZEDES-Milch) finanziert werden. Copyrights oder Patente führen außerdem nicht zu einer Knappheit, sondern zur intensiven ökonomischen Nutzung, d. h. zu einer hohen Verfügbarkeit (etwa eines durch ein Copyright geschützten Buches). D. h. die Kritik richtet sich nicht gegen eine vermeintliche Knappheit, sondern gegen überzogene Preise, übertriebene Gewinne und erzeugte Monopolstellungen, die aus diesen Eigentumsbegriffen kommen.

Ich verstehe die Aussage "jede Knappheit ist gesellschaftlich produziert" nicht. Erstens kann man Knappheit nicht produzieren (es gibt keine Fabrik für Knappheit), aber das mag als sprachliche Ungenauigkeit durchgehen - obwohl man auf einen Text aus dieser Quelle hohe Ansprüche stellen darf. Aber nicht jede Knappheit ist gesellschaftlich verursacht, man denke etwa nur an eine Hungersnot (= Lebensmittel-Knappheit) wegen einer Trockenheit.

Andererseits sind "begrenzt" und "knapp" ohnehin völlig unterschiedliche Begriffe. Alles in der Natur ist objektiv mengenmäßig begrenzt. "knapp" erscheint dagegen als subjektiver Begriff, der entweder ein Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage (es gibt zu wenig) oder ein Missverhältnis zwischen verlangtem und gebotenem Preis (es ist zu teuer) ausdrücken kann. Begrenzheit ist etwas stabiles, Knappheit kann ein zeitlich und örtlich begrenztes Phänomen sein. Luft kann in einem U-Boot, Kaviar auf einer Party knapp werden. Beides ist noch kein Hinweis auf ein gesellschaftliches Problem. Auch wenn Kaviar weltweit knapp würde, wäre es kein gesellschaftliches Problem. In allen natürlichen Systemen werden Wachstumsprozesse durch Knappheit bestimmter Ressourcen gebremst, andernfalls wäre ein exponentielles Wachstum (bis zur Begrenzung durch andere Ressourcen) die Folge.

Insgesamt scheint es mir sehr verschiedene Knappheits-Phänomene (Lehrstellenknappheit, Bandbreitenknappheit) und vielfältige Ursachen dafür zu geben. Hinter dem Begriff der "künstlichen Verknappung" steckt ja im Grunde nichts anderes als eine Kritik von Eigentumsbegriff und Monopolisierungsphänomenen. Dann soll man das Kind aber auch beim Namen nennen und entsprechende Gegenstrategien entwickeln.

Eine ideale gesellschaftliche Organisationsform, die Knappheiten aller Art beendet ist eine Fiktion. Die künstliche Verknappung (Verteuerung) von Mineralöl-Treibstoffen zur Dämpfung des Verbrauchs dieser nichterneuerbaren Energieform ist eine sinnvolle ökologische Maßnahme. Keine Gesellschaft sollte Mineralölsteuern abschaffen. Und keine Organisationsform vermag die Bodenknappheit in den Innenstädten von Großstädten abzuschaffen (und dafür zu sorgen, dass sich dort jeder Normalbürger leistbare Schrebergärtchen anlegen kann). Beides scheitert nicht an der prinzipiellen Machbarkeit, sondern an der fehlenden Wünschbarkeit.

Knapp oder nicht knapp ... dafür spielen die Umstände des Umgangs mit den Ressourcen sicher eine Schlüsselrolle. Aber unabhängig von den Umständen sind (physikalische) Ressourcen im Umfang _begrenzt __.

(Im Extrem: Als Obergrenze der Gesamtheit aller physikalischen Ressourcen könnte man die Menge aller Elementarteilchen ansehen.)

In der "Knappheit" mag eine "Wertung" (Auffassung, Ideologie etc.) drin stecken, in der "Begrenztheit" sicher noch nicht. Wer versuchen wollte, neutral und nicht ideologisch zu formulieren, käme eventuell mit Begrifflichkeiten wie "Begrenztheit" weiter, könnte ich mir vorstellen. Kommt drauf an, wo man hin will, mit der Betrachtung. (Robert Gehrig)

: Vielen Dank für deine Betrachtungen. Was impliziert Knappheit denn für : dich, was es von Begrenztheit unterscheidet. Für mich sind diese Begriffe : Synonyme. Vielleicht bin ich ja aber auch nicht sensibilisiert genug.

Vielleicht am Beispiel: Man nehme eine natürliche Ressource, deren Vorkommen begrenzt ist. Solange niemand auf ihre Nutzung Anspruch erhebt, kann man wohl nicht von Knappheit sprechen. Es macht wenig Sinn. Nichtsdestotrotz ist die Ressource begrenzt, man kann sinnvoll (d.h. im Sinne des Zweckes einer spezifischen Betrachtung) von Begrenztheit sprechen.

Knappheit entsteht dann, wenn Ansprüche erhoben werden und die Ansprüche größer als die vorhandene Menge werden - aus welchen Gründen auch immer. In diesem Fall folgt aus der Begrenztheit die Knappheit. Und auch erst dann hat man ggf. ein Verteilungsproblem.

Die Knappheit kann selbstverständlich auch künstlich herbeigeführt werden. Sie kann aber auch natürlich entstehen, z.B. wg. unsinniger Ansprüche (wobei das wertende "unsinnig" immer das Mitdenken einer als "sinnvoll" erachteten Norm beim Beobachter impliziert). Das "unsinnig" muß dabei nicht immer einer bewußten, planvollen Handlung zuzuschreiben sein. Gedankenlosigkeit genügt oft auch schon. Und da endet es noch lange nicht ...


Benni Baermann schlägt folgende Unterscheidungen vor:

Vorkommen: Das ist die naturgesetzliche Grenze. Es gibt nur eine bestimmte Menge Öl auf der Erde. Eine begrenzte Anzahl Atome im Universum.

Begrenztheit: Eine Ressource ist in ihrem verwertbaren Vorkommen durch den historischen Stand der Technik begrenzt. Begrenztheit ist erzeugbar, wenn auch nicht beliebig. Nicht alles Öl kann gefördert werden.

Knappheit: Bei dieser kommen noch ganz andere Faktoren dazu:


Stefan Meretz in der OekonuxMailingliste:

... Als solcher ist er nicht zu verwechseln mit einem "subjektiven" oder "subjektbezogenen" Begriff . Es geht also hier nicht um die Frage, ob ich gerade etwa "knapp bei Kasse" bin oder die Milch in meinem Kühlschrank verbraucht ist, sondern um die Frage, welche Rolle Knappheit bei der gesellschaftlichen (Re-)Produktion des Lebens spielt.

Analytisch (also bloss logisch, aber nicht historisch) unterscheide ich zwischen der gesamtgesellschaftlichen Produktion und derselben in ihrer besonderen Gestalt der Warenform. Oder anders ausdrückt: Ich gucke mir erstmal die Rolle der Knappheit bei der Produktion der Lebensbedingungen unter Absehung der Form an, dann unter Hinzuziehung.

Zunächst unter Absehung der Form:

Zur Warenform und zur Knappheit: Neben dem "ontologischen" Knappheitsbegriff (also als Seins-Begriff) gibt es dann eine formbestimmten Begriff, für den ich "künstliche" oder "produzierte" Knappheit treffend finde.


Texte:

Neue Seiten im Kontext

Montag, 19. Februar 2007

Das Weglaufhaus ist ein antipsychiatrisch orientiertes Wohnprojekt im Norden Berlins. Es bietet wohnungslosen oder akut von Wohnungslosigkeit Menschen die Möglichkeit, sich dem psychiatrischen System zu entziehen und ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Wie der Träger und Initiator des Projekts, der Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V., wird auch das Weglaufhaus von Betroffenen kontrolliert.

Samstag, 17. Juni 2006

Der HeiseTicker berichtet gerade, dass Ghostscript, ein OpenSource Postscript-Emulator nun komplett unter der GNU General Public License veröffentlicht wird. Bisher wurde die Software vom Hersteller mit verschiedenen Lizenzen angeboten: einer eigenen "Alladin Free Public License" (AFPL), die die Software nur für nicht-kommerzielle Zwecke freigibt, sowie ein Jahr später unter der GPL, die keine Nutzungsbeschränkungen beinhaltet.

Wegen dieser Politik hatte sich ESP Ghostscript als ein komplett freier Fork der GPL-Variante entwickelt.

Verbesserungen scheinen wohl zumeist für diese freie Variante beigesteuert worden zu sein, da Heise als Motivation für diesen Schritt die kurzfristige Möglichkeit der Einarbeitung von Patches ohne Lizenz-Einschränkungen in den Haupt-Entwicklungszweig angibt.

Dies Bestätigt mal wieder den viralen Effekt der GPL.

Freie Distributionen wählen freie Varianten von Software, diese werden dadurch mehr benutzt. Größere Nutzung ergibt mehr Fehlerberichte und Wünsche für Weiterentwicklung und, genügend Menschen mit Programmierkenntnissen vorausgesetzt, automatisch zur Verbesserung der Software.

Freitag, 9. Juni 2006

Ubuntu ist eine auf Debian basierende GNU/Linux-Distribution. Sie wird mit Gnome als Benutzeroberfläche ausgeliefert, es gibt aber auch eine KDE-Variante (Kubuntu). Eine besonders für Schulen ausgerichtete Version ist Edubuntu.

Diskussion "Ubuntu ist kein Wohltätigkeitsprojekt"

Samstag, 20. Mai 2006

Forces

You need support (money, material ...) to do your work. You do not want to restrict your work by creating artificial scarcity to force people to support you.

therefore

Ask publicly for support and publish incomming revenues.

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Spiegel berichtet über anstehenden "Absturz". Da der Spiegel schnell verknappt (zwei Wochen) hier ein paar Stichpunkte

Donnerstag, 29. Dezember 2005

Commons können neu- oder wiedererstellt werden, indem ihre proprietären Einschränkungen (künstliche Knappheit) freigekauft wird.

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altruismus oder nur brot und spiele?

Freitag, 23. April 2004

Diese Seite zeigt die thematische Verwandschaft des CoForum auf. Alle hier verwandeten Wikis sind unter Wiki zu finden.

Sonntag, 1. Februar 2004

Diskussion um die Abschaffung von Zins

Montag, 9. Juni 2003

Das Verbot künstliche Knappheit herzustellen.

Dies ist der Unterschied zwischen FreierSoftware und OpenSource - Software. Auf FreierSoftware beruhende Werke müssen, falls Sie verkauft werden sollen, ebenfalls unter einer OpenSource - Lizenz veröffentlicht werden. Dies macht den VirusEffekt der FreienSoftware aus.

Mittwoch, 4. Juni 2003

Die Verwertung des Werts ist ein abstrakter Selbstzweck, der die Wertgesellschaften organisiert und der darin besteht aus Wert mehr Wert zu machen - vereinfacht ausgedrückt: Aus Geld muss immer mehr Geld gemacht werden - bei Strafe des Untergangs.

Verwertung benötigt zumeist die Schaffung künstlicher Knappheit.

Seiten im CoForum, die sich mit Auswegen aus dieser absichtlichen Armut beschäftigen , sind mit Entwertung gekennzeichnet.

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Was ist Form, Keime und Keimform ? Diskussion zur neuen Einleitung / Replik und Definition

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