Die letzte Ernte

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Die allerletzte Ernte

Betrachtungen zum Film "Die Ernte", Idee und Kamera Pitt Venherm ' (D 1990/91, 1995, 2000).

Es werden Filme gemacht. Die dann die Leute laufen lassen können.

Und seit der feindlichen Übernahme der DDR durch die BRD auch freie und demokratische und unzensierte und unbeschnittene. Die Jahre nach 89 waren für Dokumentardreher made in West-Germany sicher besonders produktiv – einmal, weil mit dem Fallen der Betonfertigteile an der Grenze plötzlich das Interesse an den Buschgebieten vom Himmel fiel und zum anderen - wer der grauen Gestalten der Ostzone wollte nicht gern mal vor einer anderen als einer verdeckten Stasikamera stehen und seine Meinung auffliegen lassen. Und na sicher, wer vormals beim RIAS arbeitete wie Pitt Venherm und also aktiv dabei war, die freien Werte der vermarkteten Welt von Ost nach West rüberzubringen, der wird dann verständnisheischend die armen deutschen demokratischen Ehemaligen in ihrer Brunft auf bunter verpackte Schokoriegel vorführen. Ebenso wie die Unausweichlichkeit des Wandels, der mal eben so ansteht.

"Die letzte Ernte" entstand im mecklenburgischen Dorf Peckatel in den Jahren 1990/91, als die Währungsvereinigung größeres Geld in die Konsumkasse brachte und auch im deutschsprechenden Außenbereich Anschlußzwang angesagt wurde, 1995, als der Aufschwung Ost allmählich den Weizen von der nun unbrauchbaren Spreu nach oben spülte und nebenbei die blühenden Landschaften abwarf, und 2000, als die übriggebliebene der Welten schon immer die allerbeste war.

Ich sah den Film Ende August 2008 neben einigen anderen während des Filmfestes "der NEUE HEIMAT film" auf der Burg Klempenow. Der Regisseur war anwesend und setzte sich nach der Vorführung vor die Fragen des Publikums.

Schon der Titel des Films liegt daneben und zusammen mit den Eingangsszenen der mähdreschenden E 516 ist er Schönfärberei einer gewesenen Realität auf einem Großteil der landwirtschaftlichen Flächen in der DDR, der in diesem deutschen Herbst von verrottendem Getreide, vertrocknetem Mais, vergammelnden Rüben, krautfauligen Kartoffeln geprägt war – eben, weil das niemand erntete. Es lohnte sich über Nacht nicht mehr. Für mich ist noch immer wach, wie deprimierend der Anblick der Felder war, auf denen grau und geknickt im November 90 der Weizen auf dem Halm stand oder am Boden war. Wie der Film anfangs zutreffend kommentiert, war auch die LPG in Peckatel pleite. Allerdings wird in diese Feststellung das Wort "natürlich" eingeschoben (welches auch weiterhin zu den Lieblingswörtern der freien, meinungsbildenden Medien gehört, man achte mal darauf). Die LPG war "natürlich" pleite. Oder "gottgegeben", was auf dasselbe hinausläuft. Als wären das DDR-Geldsystem nicht gefickt, die Eigentumsverhältnisse nicht umgestürzt, neue Machtstrukturen nicht als unanfechtbar installiert worden. Das zieht sich durch den ganzen Film: viele Fragen nach Befindlichkeiten der Leute beim Einrichten in die "neuen" "Gegebenheiten", keine Fragen nach Ursachen und Verhältnissen, nach Gründen und schon gar nicht nach Möglichkeiten mit den Antworten was anzufangen oder gar was zu verändern. (Eine Aussage die immerhin in einem anderen Film des Festivals zugelassen wurde: "Glauben? – Nein! Wissen und verändern", ein Linker in "Der große Navigator".) Nein, egal, wer, was, wie, wem, warum – in Mecklenburg wird es immer was zu ernten geben. Man muß sich nur kümmern und tüchtig sein, die Sachzwänge verinnerlichen, das Kreuz alle paar Jahre den richtigen Figuren auf einen vorgedruckten Zettel malen und so fort. Jeder kann "es" schaffen. Und was den Leuten so tagaus tagein erzählt wird, was sie wollen sollen dürfen. Ich erwartete gesellschaftskritische Filme und sah Propaganda.

Es wird einen vierten Dreh in Peckatel geben und der Titel des neuen zusammengefügten Films wird "Die Ernte" lauten. Tja, wer hier in McPomm lebt, kann es zu spüren bekommen: beim Ernten stören nur noch die unbrauchbaren Gestalten, die zwischen den Feldern in den Dörfern hausen.

Als sei z.B. der neue Titel keine, blieb Pitt Venherm im Gespräch nach dem Film die Antwort auf meine Frage, welche Botschaft der Film hat, schuldig. Und als müßte er sich entschuldigen, berichtete er aus vergangenen Tagen, daß er kommunistisch sympathisierte, lange Haare trug, "Ho Chi Minh" auf Demos skandierte und DKP wählte. Yo, das wird wohl einen Kommunisten ausmachen. Und lassen wir es mal lieber dabei! Daß eine Maxime wie "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" diskussionswürdig und wahrscheinlich lebenswert ist, ist schon eine zu hohe Dosis Gedankenfreiheit. Da ergaben sich doch im Gespräch Lebensziele anderer Art: z.B. eine LKW-Flotte von 20 Stück sein eigen nennen oder mit Kleinfamilienhäusern auf vormals blühenden Wiesen Familien mit Kindern in übriggebliebene Dörfer zu locken. Daß das auch hier transportierte Wachstumsparadigma nichts weniger als die Ausrottung der Menschheit bedeutet, interessiert nicht wirklich. Ich frage mich, was für andere kann es in dieser Gesellschaft denn schon geben, als Propagandafilme? Noch zwei Szenen aus diesem: Die Geschäfte der neuen Landbau GmbH führen "natürlich" die alten Seilschaften. Sind die neuen Großagrarier in den Dörfern hingegen rückübertragene oder anderweitig Adlige aus dem Westen, geht das "natürlich" in Ordnung. Und: wenigstens gibt und gab es auch in Peckatel für die Überflüssigen den ABM-Segen. Stimmt. Denn Anfang der 90er standen auf Platz 1 der Sachmittelausgaben für ABM Sägen. Motorsägen. Und dazu die Motorsensen. Und ungezählte ABM-Horden hinterließen, so bewaffnet, ausradierte Natur, ausrasierte Landschaften, begradigte Bäume. Und die Sinn- und Konsequenzenfrage außen vor. Bis zur allerletzten Ernte.

Roland, ZarNekla
Thomas:

Ich habe nach dem Film im Netz gesucht. Der Titel scheint richtig "Die Ernte" zu heißen, oder ?

Roland:

yo, kann sein. mein emotiobanales gedächtnis täuschte mich...