Anarchismus. Eine Einführung

Version 3, 88.74.63.138 am 27.3.2009 21:18
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Quelle: CONTRASTE Nr. 262/263 (Sommer 2006)

Rezension zum Buch Anarchismus. Eine Einführung

Einführung in den Anarchismus

Die Ideengeschichte des Anarchismus reicht mittlerweile ueber 200 Jahre zurueck, und er hat immer noch, vor allem fuer juengere Menschen, eine grosse politische Attraktivitaet. Die Klassiker des Anarchismus waren aber fast alle in der Zeit von 1850 bis 1950 aktiv. Hans Juergen Degen und Jochen Knoblauch legen mit ihrem Buch nun eine Einfuehrung in die Ideen- und Bewegungsgeschichte des historischen Anarchismus vor. Sie definieren, dass AnarchistInnen gegen Staat, Zentralisierung, Hierarchien, Kapitalismus, Rassismus und Sexismus seien, lehnen aber sympathischerweise eine verbindliche inhaltliche Anarchismusdefintion ab. Genauso halten die beiden einen Anarchismus ohne den Bezug auf seine klassischen Werke fuer moeglich. Im ersten Kapitel stellen sie neun KlassikerInnen vor. Der zeitliche Bogen reicht hier von William Godwin (1756 bis 1836) ueber Max Stirner und Michail Bakunin bis zu Emma Goldmann (1869 bis 1940) und Rudolf Rocker (1873-1958). Dann widmen sie sich einigen wichtigen Feldern der inhaltlichen Debatte: Staat, Demokratie und Kapitalismus, Gewerkschaft, Gewalt und (Anti-)Militarismus.

Im letzten grossen Kapitel wird die Rolle und die praktische Bedeutung des Anarchismus in revolutionaeren Zeiten referiert, wie der Pariser Kommune, der russischen Revolution, der mexikanischen Revolution 1910 bis 1920, der Muenchner Raeterepublik 1919 und selbstverstaendlich der Spanischen Revolution 1936 bis 1939.

An dem Band faellt zuerst auf, dass der Anarchismus ausserhalb von Revolutionen, seien es Arbeitskaempfe der historischen Arbeiterbewegung oder Kommunen und andere Wohn- und Arbeitsprojekte des neueren, sich den neuen sozialen Bewegungen zuordnenden Anarchismus, fehlt. Wie ueberhaupt neuere Debatten nach 1945 unverstaendlicherweise kaum vorkommen. Jede weitergehende Beschaeftigung mit dem Anarchafeminismus wird ebenso vermieden und dadurch ein wichtiger Strang des Anarchismus ausgeblendet. Fuer eine aktuelle Weiterentwicklung des Anarchismus, die ja durchaus stattfindet, traegt es leider nichts bei. Dabei gibt es mit dem nordamerikanischen Oeko-Anarchismus und libertaeren Kommunalismus, dem Zapatismus der EZLN oder den Debatten um einen Anarchismus in der Postmoderne relevante Beitraege, die aufgreifbar gewesen waeren. Dieser Band verstaerkt leider das Bild des Anarchismus als einer politischen Bewegung, die ihre Vorbilder vor allem in der Vergangenheit hat. Es ist etwas befremdlich, dass die Autoren in ihrem Vorwort "Pseudo-Beduerfnisse" kritisieren und an "die Vernunft des Menschen" appellieren.

Bernd Huettner

Hans Juergen Degen, Jochen Knoblauch: Anarchismus. Eine Einfuehrung, 214 S., 10 EUR, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2006