Wie ich den Glauben widerbelebte 2.0

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Erlebnisaufsatz "Whynackt 2011" von Roland, ZarNekla
(Vorgänger: Wie ich den Glauben widerbelebte 2006
Nachfolger: Wie ich den Glauben widerbelebte 3.0 2012)

Wie ich den Glauben widerbelebte 2.0

Fast hätte ich es schon im letzten Jahr geschafft, aber nun stand dem wirklich so gut wie nichts mehr im Wege: wie dazumal in Demmin wieder in Weihnacktsmannmontur und mit gut bestücktem NVA-Seesack am 24. unter die wilden und fremden Leute. Eine Stadt im Westen sollte es diesmal sein. Welche Begegnungen würde es in einem Land geben, wo die Menschen schon seit gefühlten 100 Jahren in Frieden und Freiheit elektrische Kerzen verbrennen durften?
Solide vorbereiten! Ich bestellte sogar auf Nummer Sicher bei Ebay ein rotes Kostüm, das billiger war als ’ne Ausleihe in Loitz. Doch das kam bis heute nicht an, Weihnachtsmarktwirtschaft, verdammte! So war ich 5 vor 12 am Einsatztag noch mit dem Nähen eines Bartersatzes befaßt. Mantel und Perücke hatte ich bei einem Blitzbesuch vormittags in Loitz noch gerade so ergattern können. Ohne Bart geht nicht, dachte ich nervös. Ich schnitt Klettband, Watte, Schlüppergummi zurecht, fädelte ein und aus, saß vorm faltigen Spiegel – das würde doch nie was! Entschieden zu großer Aufwand für eine Schreckgestalt! Vereinfachen. Genau! Ich schnappte mir Marlins venezianische Maske, probierte Mantel, weißgelockte Perücke, blausilbern funkelnde und befiederte Maske, weite rote Bommelkapuze hinten rüber, Lächeln.
Ging so. Ein bißchen was ungewöhnliches müßte vielleicht sogar sein, um die Wessis an die Haustür zu kriegen.
In den Seesack noch 20 Boskööpe hinein, die Geschenke hatte ich schon tags zuvor eingewickelt, frische Socken an, das Plasterohr ins Auto. Nach einem letzten Blick auf die Autokarte war klar: es würde Ratzeburg werden, nicht Lübeck. Denn diese Stadt hat so in etwa die Größe Demmins und einen Ortsteil, der Dermin heißt – das gab den Ausschlag, da wollte ich hin.
Oh Mann, es war spät, schnell los, zum Musikaussuchen mußte fix Zeit sein: Radiohead. Noch war das Auto kalt und der kaputte Tacho zeigte was. Aber vorm ersten Dorf klappte er von 120 auf Null in nicht mal einer Zehntel Sekunde. Um auf ordnungsgemäße Geschwindigkeit zu kommen, war das Dorf dann einfach zu kurz.
Was für ein leuchtender Tag, der Sonne und der Autobahn nach ins NSW. Der Raps im weichen Licht, in lauer Dezemberfrühlingsluft machte sich zum Knospen auf. Die Landwirtschaftsbetreiber werden vielleicht auf dem Gabentisch der Natur vorfristig Pflanzenhormone darbringen müssen, um das Blühen in ihrem Sinne zu steuern. Die leben ja von den Gaben der Natur, da kann ruhig mal was zurückkommen, klar.
An der ersten Tanke in RZ (12 Cent billiger als in DM) fragte ich den Kassenwart, ob es hier Plattenbausiedlungen gäbe. Er grinste, nee, das wisse er gar nicht, er glaube nicht, keine Ahnung. Gegenüber der Tanke bot sich meinem Blick gleich beim Rausgehen eine typische Neubausiedlung dar. 3- und 4-Geschosser, ohne Fahrstuhl. Die hebe ich mir für den Schluß auf, sagte ich mir, erst mal nach Dermin fahren. An einem Stein am Straßenrand ein Graffiti, roter Stern mit den Lettern RZ drinnen. Nicht daß das "Rote Zellen" bedeuten sollte.
Ein Parkplatz unweit eines Krankenhauses und von Seniorenwohnanlagen - und doch inmitten EFH-Handtüchern neueren Datums: alles chic, hochglänzend, den Prospekten von Baumärkten und –firmen nachempfunden. Es war noch viel zu hell, um loszumachen. Was mich außerdem zögern ließ, war dieses Fremdheitsgefühl. Ausland. Hemmschwellen. Ich schaute durch die Frontscheibe einigen durch die Zweige hopsenden Vögeln zu. Als sich ein Rotkehlchen dazugesellte, mich kurz anschaute, fühlte ich mich besser, warf mich in Festschale und stiefelte los.
Hausnummer 19, habe ich auch, die Hand zur Klingel unterwegs, aber durch die Glastür sah ich einen 5-Sterne-gedeckten Tisch für geschätzte 20 Leute im Wozi, besser Wohnsaal. Steife Schlipse unter Kronleuchtern - darauf war ich innerlich nicht eingerichtet. Noch schützte keine Dunkelheit mich Fremdkörper. Ich schaute mir nun die Häuser genauer an, ich wollte nicht irgendwelche reichen Leute amüsieren. Häuser in einfacherem Outfit oder mit Kinderkram ringsum gab es hie und da ja auch. Oder sogar Mehrfamilienhäuser, bei einem begann ich zu klingeln. Mann und Frau, nein, sie wollten gleich los, haben keine Zeit. Dann Frau und Mann hinterm Türspalt, ja, ist ja schön, frohes Fest und so, aber wieso gerade bei ihnen? Auf Wiedersehen. Dann ein älterer Mann auf mein Hallo (mehr als 20 cm ging auch diese Tür nicht), er glaube nicht an den Weihnachtsmann, fertig. Ich auch nicht und hätte trotzdem etwas mitgebracht und so – hielt das Türschließen nicht auf. Weiter.
Autoinsassen winkten mir zu. Kinder liefen fröhlich um ein Haus, ich sprach kurz mit den Eltern, nein, der Weihnachtsmann kommt noch, und wir freuen uns schon sehr drauf, tut uns leid. Wie Klinkenputzen, dachte ich, aber fast alle haben sie das Weihnachtsgebammel an der Tür und in den Fenstern, die Vorrasen mit ihren Bonsaibäumen sind vollelektrifiziert und die Grenzzäune und ihre Heime noch sauberer gemacht. Fühlen sie sich beobachtet?
Die nächste Tür sperrschloßweit offen, ja, guten Morgen ebenfalls, nein, ich könne nicht reinkommen, aber dafür gleich wieder gehen.
Ich fragte mich, wieso diese Leute überhaupt an die Tür gingen, wenn es klingelte. Erwarteten sie den Osterhasen, nackte Frauen, rumänische Hütchenspieler, ein Glückwunschtelegramm von Schwiegermuttern? Oder lag es doch am fehlenden Bart und an der überflüssigen Maske meinerseits?
Ein 4-Familien-Haus. Ohne Rückfrage der Türschnarrer. Der Mann wollte gerade los zur geschiedenen Frau mit ihrem 8 jährigen Sohnemann. Und er war ziemlich unsicher, ob ich nicht so’n maskierter Trickser wäre, kriminell, ich kam trotzdem rein, zog die Filzstiefel aus, und er gab der Situation, für die er nichts im Programm hatte, nach. Wir redeten etwas miteinander, und ich holte die ersten Geschenke aus dem Sack, Äpfel, Messer, Buch, Cashew. Na das ist ja ’ne Überraschung. Wieso denn? Ja danke! Was ich für meinen Auftritt bekomme, mitnehmen wolle fürs dagelassene?
Das Leben zusammengepreßt aus Geschäftsbeziehungen.
An einem Carport wurde gerade entladen, Vater, Mutter, Oma, 2 Mädchen hüpften herum. Sie kamen frisch aus der Kirche, wo sie singen mußten, aber das war nun überstanden. Ich fragte, wünschte, bewahrte aber auch den Erwachsenen die Fluchtdistanz, ihren Gesichtern war doch die Nummer des Bullereinotrufs huschweise anzusehen. Die kleinen Mädchen faßten Zutrauen, kamen etwas näher. Ja, ich wäre heute nur Ersatzmann, habe deswegen auch nicht den rechten Bart, habe zwar versucht, ihn noch schnell wachsen zu lassen, aber sie können ja mal anfassen, ist nicht viel geworden in der Kürze der Zeit... Anzufassen trauten sie sich beide nicht. Aber Geschenke hätte ich trotzdem dabei, und ich kramte heraus für sie, Kinderbücher, Kerzen, Äpfel, was mir die Erwachsenen auch abnahmen. Beim Vertschüssen atmeten dann die Großen auf, Überraschung auf offener Straße und vor den Nachbarn überstanden.
Ock, dieses Areal wollte ich verlassen.
Am Weg ein großes Haus auf großem Grundstück mit großen Autos, von fern sah ich die Tür und klingelte wiederholt am Hoftor. Licht ging an und aus, Türen auf und zu. Nichts weiter. Wahrscheinlich hatte mich irgendeine Kamera auf dem Schirm und für unwürdig befunden. Winterdämmerung. Eine Brücke in einen älteren Teil Dermins.
Das erste Haus rechts, älter, klein, erhellte Fenster, ein für dortige Verhältnisse schon fast naturnaher Vorgarten, wahrscheinlich aber nur "ungepflegt". Ich klingelte und trat wie immer 2 Schritte zurück. Ein älterer Mann öffnete und blieb mit der Klinke in der Hand auch seinerseits 2 Schritte vor mir stehen. Ja und? Aha. Das habe ich ja jetzt getan und nun kann ich auch wieder gehen.
Dann eine Villa, erleuchtetes Erdgeschoß, gedeckte Tafel, geschmückter Baum, vorn ein junger Mann allein vorm großen Fernseher... Gegenüber ein Klinkerbau, 6 Klingeln, 2 Wohnungen belichtet. Wieder Türschnarren ohne Rückfrage, sehr sympathisch. Ein Mädchen im Treppenhaus, die Mutter auf Abstand dahinter. Oh, ein Weihnachtsmann! Tochter fröhlich, Mama erst mal ängstlich, die Wohnungstür stand offen. Und ich ganz sachte und vorsichtig mit Sprüchen, Bewegungen und freundlichem Lächeln. Stiefel aus - ich durfte rein. Das erste Wozi von innen an diesem Tag. Ich wünschte Freude und Glück und fragte, ob ich Lisa was vorlesen dürfe. Wir saßen uns am Tisch gegenüber. Von den lautstarken Stellen angelockt, kam der Mann des ganzen dazu. Ganz locker wie frisch massiert im Bademantel. Cool. Ja, alles, was Streß macht, lassen wir ausfallen. Wir grinsen uns an. Nach der Geschichte waren alle entspannt. Lisa fragte rundheraus, ob ich auch Geschenke mithätte, yo, alles grinste. Zum Schluß initiierte die Mutter eine Übergabe in meine Richtung: eine Zeichnung, die auf dem Tisch lag, mit ausgemaltem Weihnachtsmann und der handschriftlichen Widmung "Lieber Weihnachtsmann, bitte nehme dieses Bild mit!" - hängt jetzt bei mir an der Wandzeitung im Flur. Auf Wiedersehen!
Gegenüber war mittlerweile die eine Jalousie runter.
Einige große Bäume draußen, dunkle Pfützen im Lichterglanz. Ich ging weiter. Glockentamtam und Rettungslalü aus derselben Richtung.
Herumgewusel von Frauen und Kindern im Licht hinter den Scheiben eines Reihenhauses. Ock, mal probieren. Die beiden lütten Mädel in Strumpfhosen und Ballettrüschen waren hocherfreut, als sie mich erblickten, ej, wir sind Prinzessinnen! Sie drehten sich kokett vor mir und dem Flurspiegel, Mutter, Tante, Oma, who ever, schauten erfreut aus der Küchentür, während der junge Vater neben mir in seinem Gesicht Freude, Zweifel, Ungeduld, Neugier zu wechselnder Bewegung auffuhr, dann, ich hatte die Stiefel schon aus, zog er mich energisch in die Diele, schloß die Tür hinter sich, während er sagte: "Ich glaube, wir müssen mal miteinander reden!" Ob ich auch der richtige Weihnachtsmann sei oder wirklich nur so unterwegs? Denn sie erwarten noch den richtigen und zwar jetzt, genau in diesem Augenblick. Ock, ich verstehe, wolle nur... Nein, jeden Moment, ich müsse weg. Aber meine Stiefel!, und ich schaffte es doch noch, einen Apfel aus dem Seesack zu kramen und den Mädchen eine kurze Erklärung hinzuwerfen, logistische Probleme etc. Kaum war ich auf der Straße, bog der echte, wahre Weihnachtsmann um die Ecke und die Geschichte gerade und wurde freudequietschend begrüßt. Ich lachte noch mal vor mich hin wegen des Gesichts des Vaters ob seiner Drangsale.
Oh, von hier konnte man über den See die Altstadt sehen. Natürlich nur, weil überall Licht an war.
An dem nächsten großen Haus wollte ich schon vorbei, da sah ich durchs Küchenfenster 3 Frauen wirtschaften, es sah nett aus, ich ging zur Tür. Dann äh hm, ich weiß auch nicht - ich bot an, sie solle doch gehen, einen Erwachsenen fragen, ob ich herein dürfe -, die Frau lächelte matt, rief aber tatsächlich nach hinten und die Dienstälteste erschien im Hausflur. Aber nein, es paßte gar nicht, die Männer sind noch in der Stadt in der Kirche, wenn sie heimkämen, müsse das Essen auf dem Tisch stehen und da haben sie und "die Mädchen" noch stramm zu tun. Oh, meinte ich, na das ist ja wohl nicht so das Gelbe, die Männer amüsieren sich und die Frauen schieben Streßschicht in der Küche. Ob ich helfen könne beim Schnippeln? Nee, ist schon alles in Ordnung so. Na dann. Auch der Dienstjüngsten, so um die 30, sah man an, daß die Festtage nicht schnell genug herum sein konnten.
Schräg gegenüber, die hätten Kinder...
Und einen großen bissigen Hund, wie das Blechschild versprach. Filzstiefel und die Maske, das müßte für den reichen, ich ging zum aus dem vollen leuchtenden Haus. Einmal Klingel, der Hausherr in lächelnder Offenheit, das Hemd hing halb aus der Hose, bat mich sogleich hinein. Familienweihnacht, 2 Männer, 2 Frauen, 2 Kinder, ein Opa - so in etwa kurz vorm Essen, alle sehr freundlich gestimmt und mit Gesten des Wohlbehagens. Ich rede mit den Kindern, sie Klavier, er E-Gitarre, logo Nirvana, ich dachte bei mir, die sind für die Geschichte zu alt, las dann aber trotzdem vor. Angetan fühlten sich die Erwachsenen. Ich bekam einen Kaffee und mir wurde immer wärmer. Das Buch? Das gibt es nicht mehr, Kinderbuchverlag 1987, wird nie wieder aufgelegt werden, kommunistischer Schund. Der Mann schrieb sich’s auf: "Das Geschenk" von Stefan Stein, illustriert von Dagmar Klasche. Zu warm inzwischen. Ich packte Geschenke aus, u.a. auch das Blechschild "Vorsicht! Wachsamer Nachbar!" von der Polizei - kann es in diesen EFH-Ghettos gar nicht oft genug geben, har har. Währenddessen wurde mir ein Zehner von irgendwem zugesteckt. Im Flur krakelte ich die Internetadresse meines Demminer Erlebnisberichtes auf einen alten Briefumschlag, mußte nochmals paar Euros entgegennehmen und erzählte dabei dem neugierigen Vater, wie es kam, daß ich tatsächlich 200 km gefahren war, um hier auch mit ihnen dem Tag Leben einzuhauchen. Alle Achtung, das ist schon echt ’ne tolle Idee.
Genug Dermin, zurück zum Parkplatz. So gut wie niemand draußen, alles ausgeleuchtet. Zum Pinkeln ging ich einen Hang der letzten Eißeit runter. Vorbei am Krankenhaus, Pförtner, Aufnahme, offene Schranke. Ich hätte reingehen sollen. Zu Irgendwem. Aber meine Hemmungen waren immer noch quasiakut.
Auf der Fahrt in die Altstadt rechter Hand mehrgeschossige Neubauten neuerer Zeit. Ich hielt an, dahin könnte ich doch auch mal. Unterwegs winkende Leuts aus einem Auto, Wink zurück, Stopp, Scheibe runter, Apfel hinein, Lachen, Scheibe hoch, weiter.
Die Wohnblocks. Ich schaute nach einem mit möglichst vielen hellen Fenstern. An der Haustür Verblüffung meinerseits: die Briefkästen hatten neben dem Namensschild Wechselschilder "Nein! Keine Werbung!" (in rot) / "Ja! Werbung willkommen!" (in grün). Wie bescheuert muß man sein, Werbung zu wollen? Naja, daß dies allein kein Kriterium war, erwies sich, als ich nach dem Klingeln bei einer Weihnachtsparty "ohne Werbung" dabei war. Im Wozi ein Paar auf Besuch und die Mutter mit ihren 2 Töchtern (so etwa 5 und 11 Jahre alt) vorm laufenden Fernseher mit irgendwelchen halbnackten Frauen hinter der Scheibe, dazwischen ein Tisch, reichlich mit Alkoholischem und Knabbereien und Halbausgepacktem voll. Zum Geschichtevorlesen setzte ich mich aufs Sofa zwischen TV und älterer Tochter. Deren Aufmerksamkeit wollte ich zunächst erringen, hielt immer wieder erfolglos mein Buch zwischen ihre Augen und den Flimmerkasten, sie rückte hoch oder runter, ich versuchte spannende Fragen zu stellen oder so was, es funktionierte nicht. Nein, der Fernseher müsse aus, meinte ich nach 6 Minuten. Ja, stimmten da plötzlich die Erwachsenen zu, als wäre es ihre Idee. Ich fragte dann noch mal, was denn das beste des letzten Jahres gewesen wäre. Na Weihnachten. Wieso? Na wegen der Geschenke. Was gab es denn? Na ein Handy (die Kleine der beiden). Besser vorlesen...
Danach fragte ich die Erwachsenen, was sie heute noch so machen werden? Na feiern! Ob sie dabei auch was singen. Na klar, was denke ich denn! Und was? Na Stimmungslieder, mal sehen was auf der neuen CD drauf ist, da wird mitgesungen! Schnell die Geschenke auspacken, dachte ich da, sah aus den Augenwinkeln bei allen Anwesenden schon starke Entzugserscheinungen, was wahrscheinlich den Fernseher betraf, und mir wurde sehr warm, weg hier!
Das Stadtzentrum auf der Insel wie geleckt. Hell, glitzernd, keimfrei, keine Menschen, alles zu, hirn- und herztot. Staffage – aber wozu? Ich griff mir Sack und Rohr aus dem Auto und ging in die Richtung irgendeines massiven sakralen Bauwerks, wo mir die Stadt etwas dunkler vorkam. Eine Freifläche mit Bäumen (bestimmt "Park" genannt), die ich umrundete, dann "hinein" zur dunkelsten Stelle ging. An einem mächtigen, alten Baum - der letzte seiner Generation im kurztragenden, kreuzgeschorenen "Park" (auf das baumhohe Kreuz kamen vielleicht 17 Bäume) - geköpft und doch noch am Leben, seine Triebe schutzlos preisgebend, machte ich das PVC-Rohr zum Didgeridoo und bedröhnte den Baum und mich. Einige Schatten tanzten bei meinen Bewegungen. Schreie ins Didge sind auch für Nachbarn erträglich.
Ein Stück weiter zurück, hin zum Ufer, aus dem Dunkel von der Insel – noch einmal klopften die wabernden Obertöne an erleuchtete Fenster, keines wurde geöffnet.
Ich ging wieder zum Auto. Unterwegs Erdgeschoß, Glasfläche, wie ein Schaufenster so groß und doch dahinter das Wozi, ein brennender Kamin, Weingläser, festlicher Schmuck, ein junges Paar kurz in Bewegung, auf einem Tisch ein leuchtender Laptop, Kerzen. Mir fielen einige Fragen ein, die ich den Leuten würde stellen wollen, und ich wandte mich um zur Eingangstür. "Rechtsanwalt- und Notarkanzlei" etc. links an der Leibung, "Willkommen!" in aufwendiger großer bunter Keramik, Klingel und ein Namensschild rechts an der Leibung. Ich klingelte. Hundebellen. Dann eine Stimme durch die Tür mit mattierter Scheibe: "Der Weihnachtsmann!". Eine ältere Frau öffnete so breit, daß der Kläffer rauspaßte, na so was, ja, hm, sie wisse nicht (das ganze in gebeugter linsender Haltung, die Hand fest am Griff). Sie könne doch einen Erwachsenen fragen, schlug ich auch hier vor. Ja, gute Idee! Sie rief ihre Tochter, die, um die 30, wirklich erwachsen, blieb 2 Meter hinter dem Türspalt stehen, druckste ebenfalls herum, während der Hund noch immer draußen bei mir die Freiheit genoß. Ich schlug ihr mit einem Lächeln vor, sie könne doch ihren Anwalt fragen. Ja! Einmal laut rufen reichte dann auch und himself baute sich in der Tür genau so auf, daß er den Spalt ausfüllte, und ich wünschte frohes Fest und so und bat, hereinkommen zu dürfen. Ja, das wollen Sie, meinte er, das will ich aber nicht! Und zu die Tür!
Naja, RZ als Stadt an der "innerdeutschen Grenze" war sicher um die Wendezeit herum voll mit Flüchtlingen aus der DDR-Gefangenschaft; Begrüßungsgeld, 2-Takt-Gestank, Anstehen bei Aldi, schlechtangezogene (Dreiecksbadehose...) Willkommensschild-Verkäufer an der Tür.. Das hat sich sicher irgendwo in den Genen festgefressen.
Ich düste also als letztes ins Neubaugebiet, das ich eingangs in RZ gesehen hatte. Auto abstellen, Licht aus. Wollte ich noch? Konnte ich noch? Machte es Freude? Ach was, Szenenwechsel!
Geöffnet wurde wieder ohne Nachfrage, 4. Treppe, das Familienoberhaupt verstand offenbar nicht, was ich verwegene Gestalt mit Weihnachten in Ihrem Sinne zu tun hätte, aber seine Tochter übersetzte es ihm und nachdem auch eine Frau des Hauses zustimmte, stellte ich meine Filzstiefel im Treppenhaus ab und ging hinein. Die 3 Kinder so freundlich, so strahlend, und auch adrett wie das kleine Wozi, ich fühlte mich zum ersten Mal auf meiner Tour richtig wohl. Irgendwo schatteten 3 Frauen umher, Haare waschen, Kleiderschrank durchmustern, die Tür zum unaufgeräumten Schlafzimmer, in dem mindestens 4...5 Leute ihre Schlafstatt haben mußten, zumachen. Der Fernseher war kaltgestellt, eine fröhliche Aufmerksamkeit war da. Ich las die Geschichte vor, der Vater ließ sich anfangs ab und an was kurz übersetzen, aber es störte, die Kinder waren gespannt und ganz am Zuhören. Von meinem theatralischen Getöse herbeigerufen, saßen auch bald 2 Frauen neben uns, die außer den Bildern offenbar nichts vom Inhalt verstanden, aber an jeder dramatischen Stelle halb aus dem Sofa kamen und mitjuchzten. "Danke!" kam es dann mehrmals von den Kindern und wir mußten alle lachen. Das Mädchen fragte mich, ob sie mich mit ihren Brüdern fotografieren dürfe. Rechts und links von mir und wir hielten still. Ob ich auch Geschenke in dem Sack habe? Und wir lachten wieder. Ja, ich packte aus.
Das war schön. Wäre ich nur gleich in die Gegend des asozialen Wohnungsbaus gegangen!
Einige Blocks weiter. Klingel. Wer da? Der Weihnachtsmann! Wer? Jaha, der Weihnachtsmahann. Schnarre. Ich hatte mir den Namen gemerkt, aber es gab nirgends Namensschilder an den Wohnungstüren. 3. Treppe waren haufenweise Schuhe vor einer Tür, laute Geräusche dahinter, ich läutete, aber die Geräusche klangen doch eher nach handfestem Streit, eins drüber regte sich auch was, schnell die Treppe hoch. Ein Jugendlicher: hä?, was will ich? Papa! Der lugte um das Türblatt, die Wohnung sah leer und weiß aus wie mitten im Renovieren, hörte sich meine Story an und meinte dann gutmütig, nee, rein nicht, die Geschenke kannste abgeben, aber dann ist auch gut. Ich packte ordentlich aus, denn ich wollte ja bald nach Hause.
Gegenüber war inzwischen die Wohnungstür auch offen, ein anderer Jugendlicher mit Baseballmütze, dahinter eine Frau, ej, klar, komm rein! Schnell saß ich auf einem der ungemachten Betten im Kinderzimmer, wo ein Mädchen und ein Junge bislang auf dem Fußboden gespielt hatten und nach kurzem Frage-Antwort-Spiel zog ich wieder "Das Geschenk" aus der Manteltasche. Meine ausufernde Vortragsweise lockte Mutter und ihren Bruder herein. Die beiden Kinder kicherten immer wieder vor Vergnügen. Das "Uch!" der Wanderratte mußte im ganzen Haus zu hören gewesen sein. Ja, ein DDR-Buch. Der Bruder meinte, ej, er kennt so steinalte DDR-Bücher übern Krieg, die wären geil. Und die Mutter outete sich mit ihrer Liebe zu Puzzles, ab 1000er aufwärts. Ihretwegen auch 5000er mit ’ner Neumondmeeresoberfläche bei Windstille. Ich schlug zur Unterhaltung lieber Uno vor. Nur eine Runde kam zustande und dann noch verloren. Die Mutter hatte uns zwar noch ein Baby dazugestellt, aber es war zu langweilig für die Kinder. Ich wurde ein bißchen ausgefragt, und die Mutter bekannte, daß nur Menschen, die etwas verrücktes an sich haben, die interessanten sind, entlaufene, maskierte Weihnachtsmänner – normale hätte sie nicht reingelassen. Das normale Weihnachten wäre eh nur was zum Versenken. Ganz meine Meinung. Ihr Bruder ließ fallen, daß ich doch unbedingt seine Cousinen in Einhaus überraschen sollte, das wäre cool, außerdem wohne er da und ich könne ihn gleich mitnehmen. Außerdem würde mir seine Mutter bestimmt Kaffee kochen. Klar, warum nicht, liegt ja auch auf meinem Rückweg. Ich packte vorm Gehen noch so gut wie alle Geschenke aus, die passen könnten. Richtig gut, daß ich das alles mache, sagte die Frau zum Abschied.
Mit dem Bengel unterhielt ich mich dann die ganze Zeit. Ob mir schon was schlimmes passiert sei als Weihnachtsmann - nö. Ob ich maskiert Auto fahre - klar, gibt doch die besten Blitzerfotos. Stimmt, gab er zum besten, er wurde mal mit Scream-Maske beim Schwarzfahren mit 120 auf ’ner 80er Strecke geblitzt, seine Mutter bekam das Foto und regelte alles... Die Fahrt über simste er mit seiner Freundin, zeigte mir auch ihr Foto, erzählte, daß er Koseworte benutze, wie sie ihm einfielen, "Engel" und "Goldspatz" schrieb er gerade, ich schlug "Kniekehlchen" vor, er freute sich sehr, ja, Einfälle muß man haben.
Auch Einhaus am X-Tag noch ausgestorbener als sonsten des Nachts. Hier wohne seine Ex, dahinten seine Jetzt, das Auto abstellen könne ich bei seinem Onkel. Da war Platz vor einem Multicar, ich mußte grinsen, denn ich dachte an das DDR-Emblem, das ich an Stelle der alten HU-Plakette vorn auf mein Nummernschild geklebt hatte.
Ein paar Schritte zu seinem Zuhause. Er ging rein, seine Mutter holen, ich solle draußen warten, alles dunkel. Seine Mutter im Nachthemd, die er geweckt hatte und die viel lieber weitergeschlafen hätte, bekam einen gehörigen Schrecken, als sie mich sah, ich konnte gar nicht so schnell was sagen. Der Bengel brachte aus der Küche was zu essen an, sie war dann schon in der Lage war, den Fleischsalat als nicht vegan zu identifizieren. Nein, es war richtig blöd hier zu stören, was das soll, sagte ich dem Jungen. Und es war auch das erste Haus, wo ich sofort überlegt hatte, ob ich mir hier wirklich die Stiefel ausziehen würde, um auf einem Fußboden in diesem Zustand in Socken rumzulaufen.
Dunkle kleine EFH-Hinterhöfe. Ich solle klopfen, er sagt schon mal Aufwiedersehen. Und er war weg. Und die Cousinen waren nicht da. Wahrscheinlich besser so.
Ab nach Hause!
Für den Rückweg paßte besser Built To Spill. Aber irgendwann auf der blutleeren Aorta namens A 20 reichte die Mucke nicht mehr für genug Adrenalin, um wirklich wach zu bleiben. Na, es gibt da einige Hausmittelchen. Schon etwa 7 Minuten später überholte mich mal wieder einer, so bald er vor mir war, machte ich mein Autolicht aus und fuhr den Begrenzungsschemen nach, die der Vordermann mir ausleuchtete. Aber schnell war er so weit weg, daß ich so gut wie nichts mehr sah – außer seine roten Lichtpunkte. Ha, aber zu hören war was! Etwas, daß auf der Autobahn eher zu den unerwünschten Geräuschen gehört, ich fummelte das Licht an und heißa!, ich sauste schon mit den linken Rädern auf der Grasnarbe, paar Zentimeter vor der Leitplanke. Rüberziehen und das Adrenalin spüren, ich war wieder wach. Trotzdem hielt ich später an der einzigen Tanke zwischen Lübeck und Grimmen und verlangte vollmaskiert einen Kaffee. Groß oder klein, war die einzige Frage der Diensthabenden.

Li B. Ro

P.S.
Neulich schrieb ich an die großen Kirchen der hiesigen Gegend (Rosenkranzkönigin - 45 m und Bartholomaeiou - 96 m) wegen Mitgliedschaft. Ich bat um Angebote, was mein Kircheneintritt bei ihnen so kosten würde, all inclusive, wie Taufe, Konfirmation, Beten, Beichten und weiß der Teufel, was alles dazu gehört.
Anlaß war die zur Faust geballte Hand Gottes, der mal etwas Zeit gefunden hatte, sich um meine Belange zu kümmern. Kaum hatte ich nämlich einen neuen Aufkleber hinten ans Auto geputzt – ein Verbotsschild mit schwarzem Regenbogen-Hering, dem unter den Kreuzaugen schon die Zunge zum zuen Maul raushängt – und war einige Kilometer gefahren, da schnappte himself sich die Kupplung aus dem Auto und zerdruckte sie wie ein Schokoladenosterkarnickel. Und das auch noch nachts, außerhalb geschlossener Ortsteile und im Wissen, daß ich kein Mobilfon habe. Gleichzeitig raubte er mir den Verstand, löschte alle Erinnerungen an Freunde und Helfershelfer aus und füllte meinen RAM mit dem Wort "Abschleppdienst", den ich dann aus der Küche in irgendeinem Haus in Hohenmocker auch prompt anrief. Für’n Euro. Das Abschleppen war dann in einer anderen Preisklasse angesiedelt... Nach Tagen konnte ich das Auto samt Aufkleber endlich aus der Werke holen. Nicht, daß ich besonders weit gefahren wäre, noch nicht mal bis nach Hause war ich gekommen, da war klar: die Kupplung rutscht... Und ich wollte doch am verheiligten Abend los...
Die Antworten der beiden Großen standen bei Redaktionsschluß noch aus.

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Hier der diesjährige Erlebnisbericht whynächtlicher Feldforschung.

Samstag, 13. Januar 2007

Erlebnis-Aufsatz "Whynachten 2006". Dem highlügen Abend auf die Füße geholfen hat Roland, ZarNekla.