Geschlechterverhältnisse

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KAMIL MAJCHRZAK

Familien, Ficken und Fabriken

Offenbar sind nicht Utopien utopisch, sondern heutige Menschen für Utopien unbrauchbar. Kaum noch jemand hofft heute darauf, eines Tages als Rentner endlich in volkseigene Betriebe oder Schulen eingeladen zu werden, um den Kindern rückblickend zu berichten, dass nicht alles so schlecht war im Kapitalismus. Das Falsche aufzuheben gilt heute als verdächtig und utopisch. Vor diesem Hintergrund erscheint die Vorstellung, dass Mann und Frau eines Tages gleichberechtigt und in Harmonie zusammenleben werden, wie eine Ohrfeige gegen das gesamte emanzipatorische Projekt. Doch entgegen allen Identitätspolitiken, die Geschlecht als kulturelle Konstruktion betrachten, können Geschlechterverhältnisse nicht anders als Produktionsverhältnisse verstanden werden. Der Reflex, jede Debatte darüber mit einer Klage über Haupt- und Nebenwidersprüche zu verhindern, ist einzig dazu bestimmt, jeden Versuch der Aufhebung der gesellschaftlichen Bedingungen dieser Verhältnisse zu vereiteln und die mollige Wärme der identitären Gemeinschaften zu hüten. Die Idiosynkrasie, mit der die sog. emanzipatorische Linke auf jeden Versuch reagiert, die Beziehung zwischen Mann und Frau nicht als einen Konflikt zu betrachten, ist ein wichtiges Instrument, um den Monolog identitärer Gemeinschaften aufrechtzuerhalten und zugleich ihre funktionale Notwendigkeit zur Erhaltung der Konsumgesellschaft zu verschleiern.

Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse

Geschlechterverhältnisse sind ein Instrument der Produktionsverhältnisse. Obwohl die heutige radikale Linke nicht ohne Invektiven des Sexismus und Patriarchalismus, nicht ohne Normierung, Sternchen und Unterstriche, großes »I« und quotierte Redelisten auszukommen scheint, überrascht es, mit welcher Hysterie sie zugleich darauf reagiert, Sexualität, die Beziehung der Eltern zum Kind, Vaterschaft und Mutterschaft anders als identitär zu begreifen.

Für die Verfechter dieser Politik haben sich die individuellen Ambitionen verschoben, es gilt nicht mehr, die Bedingungen dieser Gesellschaft aufzuheben, sondern vielmehr das Richtige im Falschen zu finden. Es ist überraschend, mit welcher Eintracht die Identitätspolitiken mit der herrschenden formal-juristischen Politik zusammenfallen. Gleichstellungsbeauftragte wachen über die Gleichberechtigung, Frauenrechte werden mit humanitären Interventionen durchgesetzt, Gesetze werden verabschiedet, um sexualisierte Gewalt in der Ehe zu unterbinden. Das Jugendamt übernimmt die Kontrolle über die Eltern, damit die elterliche Zuneigung zu den Kindern nicht eine notwendige Distanz überschreitet.

Dabei ist die Gegenwart faktisch von Utopien durchzogen. Anders als früher haben diese den Raum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und der Politik verlassen, um sich auf die Realisierung individueller - weil auf das Individuum maßgeschneiderter - Vorstellungen einer greifbaren privaten Idylle zu reduzieren. Die Maxime der ewigen Gegenwart, die weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft besitzt, heißt »Her mit dem schönen Leben!« So als müsse man sich persönlich nur angemessen anstrengen, um das Schöne an diesem beschissenen Leben zu entdecken. Für diese Geschichtslosigkeit ist überraschend, dass die meisten gegenwärtigen emanzipativen Forderungen der linken Aufklärung auf das Aufbrechen bereits abgeschlossener, vergangener Strukturen hinzielen, anstatt die Ursprünge und die Evolution dieser in den neuen Formen der Verwerfungen und Zwänge der heilen Gegenwart wiederzuentdecken.

Frauenzimmer und Kinderzimmer

Wer die Gemälde von Cranach oder den Breughels betrachtet, wird schnell feststellen, dass die Entdeckung der Kindheit und die Funktionalisierung der Familie kaum naturgegeben waren, sondern vielmehr ein Projekt der Aufklärung und der Moderne. Bis zum 16 Jh. etwa wurden Kinder noch als Erwachsene kleinerer Größe betrachtet. Wer sich Jan Breughels Gemälde Großer Fischermarkt anschaut, wird überrascht feststellen, das Kinder wie Erwachsene angezogen sind und keine Statussymbole zu ihrer Unterscheidung tragen. Sie nehmen am Erwachsenenleben teil als kleine Erwachsene, nicht als Kinder. Dies kommt für die Ständeordnung des Feudalismus nicht überraschend.

Erst die Anfänge des zunächst noch zögerlich einsetzenden Kapitalismus machten die Kontrolle und Funktionalisierung der Kindheit und der Frau als etwas, was nicht einem »natürlichen Lauf« überlassen werden kann, notwendig. Parallel mit der ersten Errichtung des Kinderzimmers und seiner Trennung vom ehelichen Schlafzimmer, veränderte sich auch die gesellschaftliche Rolle und die Zuschreibungen gegenüber der Frau. Kinder und Frauen sollten nicht mehr wie bisher neben dem Mann arbeiten. Denn die in den Kohlebergwerken eingesetzten Kinder wurden im Erwachsenenalter zu Krüppeln, die weder als Arbeiter noch als Soldaten nutzbar waren. Auch die Frauen konnten kaum noch neue Produzenten und Soldaten produzieren, wenn sie in die moderne Arbeit in der Fabrik wie Männer integriert wurden. Für die Aufrechterhaltung des Arbeitsregimes erschein es effektiver, die Reproduktion der Arbeitskraft des Mannes und der zukünftigen Produzenten und Soldaten anders zu gewährleisten. Während zuvor die Ständeordnung die Sicherung der sozialen Ordnungen garantierte und der Familie der unteren Klassen keine herausragende Stellung zukam, verlangten die neuen Produktionsbedingungen des aufbrechenden Kapitalismus auch neue Formen der Integration und Reproduktion dieser neuen Ordnung.

Dies war die Geburtstunde der Familie als Teil des gesamtgesellschaftlichen Systems der Überwachung und Kontrolle. Mit ihr ging auch eine Neudefinierung der Sexualität einher, die fortan reglementiert werden musste. Dies umfasste sowohl die Sexualität der Kinder als auch der Frauen. Die Offensichtlichkeit der frei verfügbaren Sexualität, insbesondere die panische Angst vor der Sexualität der Kinder, die auf den eigenen Körper gerichtet ist, stellte eine Herausforderung für die sich neu herausbildenden Formen der Machtausübung dar. Der Drang zur totalen Kontrolle bei der gleichzeitigen Notwendigkeit der Freisetzung der Mobilität auf den Ruinen des Feudalismus ging einher mit allgemeinen Tendenzen der modernen panoptischen Machtausübung. Obwohl die echte Verfestigung dieses neuen Machtanspruchs noch zwei Jahrhunderte bedurfte, um vollends seine Ziele zu erreichen, wurde Sex, was Michael Foucault eindrücklich belegt hat, zum Fundament der totalen Herrschaft über Körper und Geist.

Erst so war es möglich, Frauen und Kinder - scheinbar - aus dem Arbeitsleben auszusondern, um ihnen eine ganz konkrete Rolle in der Verfestigung der Arbeitsbeziehungen zuzuschreiben. Hierfür wurde es notwendig, die Familie als Fabrik-Ersatz und Exerzierplatz zu errichten, um ihre Mitglieder für die Erfüllung der ihnen zugewiesenen Aufgabe im Kapitalismus zu disziplinieren. Die Reglementierung der Sexualität in der Familie und die Artikulation der Sexualität des Mannes zeigen dabei, dass der Frau, dem Mann und dem Kind zugleich sehr unterschiedliche gesellschaftliche Rollen zugewiesen wurden. Die Demobilisierung der Frau und die Einspannung ihrer unbezahlten Arbeit zur Reproduktion der Arbeitskraft des Mannes wurden im19 Jh. nur möglich durch die gleichzeitige Amputation der Frau von der öffentlichen Sphäre, die Verweigerung bürgerlicher Rechte und des Status eines politischen Subjektes. Im Gegensatz dazu konnte der Mann nun auf das Recht auf sexuelle Autonomie sowohl in der Familie als auch außerhalb sowie auf politische Rechte zurückgreifen. Seine Stellung in der Familie war die Resultante der Position eines Vorarbeiters in der Fabrik, die Stellung der Frau die Resultante der Stellung eines Arbeiters im Produktionsprozess.

Die Auflösung der Familie

Als wäre nach dem Zweiten Weltkrieg in der Entwicklung der Menschheit nichts passiert, versteift sich eine nachholende westliche Frauenbewegung heute auf eine Kritik der Familie und Ehe und essentialisiert ihre vermeintliche Entdeckung in anderen Kulturen. Damit wird jede zwischenmenschliche feste sexuelle Beziehung unter den Generalverdacht der Unterdrückung gestellt und zum Volksfeind jeglicher Emanzipationsbestrebung erklärt. Dabei vergisst sie, dass die Freisetzung der Sexualität Mitte des vergangenen Jahrhunderts und die Demontage der Familie keine Errungenschaft sexueller Emanzipationsbestrebungen gewesen ist, sondern vielmehr bedingt durch die Entwicklung des Kapitalismus notwendig wurde. Diese Entwicklung hat kaum etwas mit echter sexueller Emanzipation oder der Entfunktionalisierung des Geschlechtsverkehrs zu tun. Vielmehr wurde der Sexualität eine Funktion in einem anderen Prozess zugeschrieben. Denn mit dem Niedergang der fordistischen Fließbandarbeit und des männlichen Ernährermodells, mit dem Übergang der Gesellschaft der Produzenten zu einer Gesellschaft der Konsumenten war nicht mehr die Herstellung von Produzenten und Soldaten die Hauptsorge der modernen Machtanbeter. Diese Funktionen übernehmen heute bereitwillig auch outgesourcte Söldner.

Wenn für die vergangene kapitalistische Gesellschaftsformation in der Familie Pflichterfüllung und kontrollierte Sexualität ein unentbehrliches Instrument zur Herstellung fester gesellschaftlicher Strukturen und der Aufrechterhaltung der totalen Kontrolle war, so ist es heute die Atomisierung und Zerstörung jedweder fester sozialer Beziehungen, welche erreicht werden muss, um die Funktion eines Kapitalismus der konkurrierenden Konsumenten zu ermöglichen. Wenn zuvor Sex eher ein Zeichen des Konformismus war, ist es heute der Maßstab eines guten Konsumenten und Jägers, keine Verpflichtungen einzugehen und in der Quantität sexueller Beziehungen zugleich den Wert seiner eigenen Individualität und Attraktivität gegenüber anderen Konsumenten zu messen.

Vor diesem Hintergrund verändert sich die Sexualität in der Familie. Sie hat die Ersatz-Fabrik verlassen und ist frei und unverbindlich auf der Straße greifbar. Diese Freiheit wird oft zum Maßstab der Emanzipation erklärt. Dabei geht kaum jemand darauf ein, welchen tatsächlichen gesellschaftlichen Inhalt diese vermeintliche Emanzipation besitzt. Kaum jemand traut sich, danach zu fragen, welche Bedeutung die Trennung der Sexualität von anderen Formen gesellschaftlicher Beziehungen hat, insbesondere der Ehe- und Elternbeziehungen.

Dabei ist diese Trennung nicht die Folge der neuen Produktionsbedingungen, sondern vielmehr ein Instrument zu ihrer eigentlichen Durchsetzung. Denn die Integration und Reproduktion der heutigen kapitalistischen Gesellschaft vollzieht sich nicht mehr über die Produzenten, sondern vielmehr über die Marktintegration der Konsumenten.

Die Obsession zur Anhäufung immer neuer Bedürfnisse und die Kultivierung von Sehnsüchten hat die vorherige normative Regulierung der Fabrik ersetzt.

In beiden Fällen sollte ein Überschreiten des herrschenden Horizonts unmöglich gemacht werden. Wer jedoch glaubt, dass dies heute immer noch über die Familie geschieht, will die neuen Herrschaftsverhältnisse einer Integration durch den Markt nicht zur Kenntnis nehmen. Die Werbung ist heute das, was gestern den Zwang ausmachte. Die Sehnsucht begründet den heutigen Sachzwang. Sexualität wurde zur reinen Lehre, »emanzipiert« und jeglicher Verpflichtung entkleidet. Dabei werden zugleich alle sozialen Beziehungen, wie schon einst die Angst vor der kindlichen Sexualität, von Sexualität bereinigt. Eine regelrechte Jagd ist ausgebrochen auf der Suche nach Hinweisen auf sexuelle Aspekte, welche die atomisierten zwischenmenschlichen Beziehungen durch ein Element der Dauerhaftigkeit beschmutzen könnte. Man wittert einen sexuellen Unterton in jeder Beziehung, die den formellen Rahmen der individualisierten und segregierten Konsumenten in Frage stellt. Die moderne Sexualität erlaubt weder Freundschaft noch Liebe. Und es ist überraschend auch hier, mit welcher panischen Angst jedes Anzeichen einer Verfestigung der Beziehungen auch mit staatlicher Unterstützung durchgesetzt wird. Die Einführung strafrechtlicher Vorschriften wie »Vergewaltigung in der Ehe« (§ 177 StGB), »sexueller Missbrauch von Kindern« (§ 176 StGB) und die gesellschaftliche Praxis dieser Bestimmungen zeigen, dass das Gespenst der Sexualität nun nicht mehr außerhalb, sondern gerade in der Familie verortet wird - jenem Ort, der zuvor die Einhegung und Kontrolle der Sexualität bedeutete. Anders als früher haben die Verbotsvorschriften die Kinder jedoch zu Objekten degradiert und ihres Subjektstatus beraubt. Wer dies als Fortschritt feiert, vergisst, dass eine gesellschaftliche Nötigung der Eltern zur Zurückhaltung in der Äußerung ihrer Emotionen gegenüber dem Kind uns weder einer Emanzipation noch einer freien Gesellschaft näherbringt. Die neue Sexualität der Konsum-Monaden dient allein der Schwächung sozialer Beziehungen und mithin der Verstärkung des hedonistischen Konsum-Potentiales des Einzelnen.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Dieser Text erschien im Heft 18 der floppy myriapoda - "Subkommando für die freie Assoziation", herausgegeben von der Epidemie der Künste in Berlin.
http://www.floppymyriapoda.de