Wie ich den Glauben widerbelebte 3.0

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Erlebnisaufsatz "Whynackt 2012" von Roland, ZarNekla
(Vorgänger: Wie ich den Glauben widerbelebte 2006
und: Wie ich den Glauben widerbelebte 2.0 2011)

Wie ich den Glauben widerbelebte 3.0

Nur wenige Tage nach dem Weltuntergang 2012

"Laß dir nicht das Auto klauen!" – das war die spontane Reaktion meines Vaters auf meine Mitteilung, wie ich in diesem Jahr den total heilen Abend zubringen würde. Nein, seinen inneren Werdegang, der aus einem Brudervolk einen Haufen Lüger und Betrüger machte, wollte ich nicht nachholen. Würde eh nicht fruchten.
"Das willst du vorlesen?" Birgit linste kurz auf meinen Zettel mit den einfachen kurzen Sätzen, Redewendungen in deutsch und in polnisch. "Klar, ich habe doch auch schon mal paar Seiten türkisch aus nem Buch vorgelesen und alle, auch die Türkinnen, haben gelacht."
Ich hatte Birgit gebeten, mir eine kurze Geschichte rauszusuchen, die ich unterm Tannebaum in Polen vorlesen könnte. Wir fanden auf die Schnelle keine, sie im häuslichen Familien-Volltrubel ob dieser Zahlen im Kalender, ich schon unterwegs. Nach Polen diesmal.
"Oh, das kannst du nicht," stellte später ebenfalls ein Pole fest, ohne es mich probieren zu lassen, der sich meinen Zettel ansah. "Bardzo chciałbym, aby zaśpiewać piosenkę." stand da. "Zu schwer zum aussprechen, laß es." Ja, und wie mir im folgenden noch mehrere Sprachkundige versicherten, versagte der Gugel-Translator grammatikalisch schon bei so einfachen Sachen wie "Szczęśliwa naprawić!" Ich ließ auf meiner Tour dann das Polnisch-Radebrechen sehr baldgleich ganz. Birgit gab mir noch mit auf den Weg, daß 96 % aller Polen katholisch getauft sind und Leute in unserem Alter alle 30 Jahre und länger verheiratet. Das war denen später nicht anzusehen, nicht mal den jüngeren, die das noch vor sich hatten. Hanna, Silberhochzeit hinter sich, meinte auf meine Frage, ja, daß viele, so etwa 70 % der Polen gläubige Kirchengänger seien, während Marek seine Frau sofort berichtigte, es seien 80 %. Hörte sich immer noch besser an, als der 96er Tipp aus deutscher Sicht. Vielleicht ist es ja doch nicht ganz hoffnungslos.
Ein bißchen belesen hatte ich mich vor dem Aufbruch sehr wohl, Weihnachtsbräuche in Polen. (Wie sich zeigte, waren nicht alle dort gebräuchlich.) Ein Sternenmann soll dort die Geschenke bringen, über seine Dienstbekleidung fand ich nichts wegweisendes. Also orderte ich bei Ebay das hiesige Weihnachtsmannoutfit. "Wertvoller Filz", der nach 2 bis 12 normalen Berührungen durchgescheuert, ein "Gürtel", der nichts als schwarze PVC-Folie war, "mit Bart", bei dessen Anblick mich später eine Polin fragte, ob der Nikolaus nicht einen Bart trüge, "Mütze", in der Größe eines Eierwärmers, der Mantel ohne Verschlüsse. Ein-Weg-Kleidung, bis zur Mülltonne würde sie gerade so halten. Für was anderes nicht konzipiert.
Ich saß also einen halben Tag und nähte was zurecht. Die Mütze trennte ich auf und nähte sie mit dem weißen Rand unten an eine andere Weihnachtsmütze, die ich liegen hatte, in einem Gedankenblitz mal vom Sperrmüll mitgenommen, was solides, größenverstellbares. So waren Nacken und die seitlichen Partien einigermaßen geschlossen. An die Seiten dieser Kreation heftete ich dann noch nach unten hängende, rote Filzgeweihe (ebenfalls Sperrmüll), von denen ich vorher die Schellen abtrennte. Ich erhielt so eine Kopfbedeckung, die großflächig mein Gesicht verhüllte, was der lausige Bart nicht ansatzweise geschafft hatte. Klettverschlüsse an den Mantel ran, rote Handschuhe, die mal jemand bei mir vergessen hatte, NVA-Koppel statt des "Gürtels", der lag schon im gelben Sack, Filzstiefel.
Und der gefüllte Seesack: Kerzen, Räucherstäbchen, Äpfel, Parfüm, Kontur-Scheren, Studentenfutter, Quitten-Marmelade, Perlenarmbänder, ein Skatspiel (mit Politiker-Karikaturen, Birne Kohl dürften auch die Polen noch kennen), kleine Flöte, Tuschkasten, CDs, Regenbogenbrillen... Und ich verpackte auch 2 der gelben originalen Blechschilder "Vorsicht! Wachsamer Nachbar. Wir wollen, dass Sie sicher leben. Ihre Polizei." Ach, wenn die jetzt an irgendeinem Balkon oder Zaun dort hängen, und für Gekicher und Gefeixe sorgen... mission possible.
Die Autobahn nach Osten, stückweise Vorkriegsbeton diesseits und jenseits der Grenze, Chociwel war mein Ziel. In Polen wurde es bald zweispurig, nur alte Brücken, von Wald freigehaltene Flächen zeugten davon, daß hier mal noch mehr ins Rollen gebracht werden sollte. Oder soll? Sind nicht überall auf der Welt Autobahnen für den Endsieg unabdingbar? Nebel machte sich breit, ich fuhr für eine Pinkelpause auf einen Parkplatz. Festgefahrener Schnee, Spurrinnen, Wassermatsch im leichten Tauwetter. Unberäumt. Ein Ende vor mir preschte aus der Gegenrichtung ein Taxi auf den Platz. Der Typ telefonierte, wendete und schleuderte filmreif im Vollgas von dannen. Joi. Dann ein dicker dunkler Geländewagen, keiner kam raus. Von hinten ein Auto, vorbei, hielt vor mir beim Geländewagen. Keiner stieg aus. Dann sehr zügig von hinten ein weiteres Auto, bremste mit Seitenschleudern beim Geländewagen, stand quer auf der Fahrbahn. Fängt jetzt der Filmdreh an? Muß ich mitspielen? Ich schaute in den Rückspiegel, es kam aber keiner mehr. Vorne da stiegen sie aus, überreichten sich gegenseitig riesige Geschenketüten, stiegen wieder ein und düsten davon. Einen Plastesack mit Müll hinterlassend, geben und nehmen. Ich machte mich vom Acker.
Nun war richtig dicke Suppe. Hinten am Auto habe ich noch immer den gekreuzigten Hering aufgeklebt, eine schlichte Symbolik. Während mein Schriftzug "Deserteur" im Verständnis der Leser oft Fragen offenläßt, Gedanken schon im Vorruhestand. Wie alles andere. Jedenfalls schob ich die haarsträubende Raserei um mich rum nicht auf das Outfit meines Autos. Sichtweite unter 50 m – doch es würde überholt, reingedrängelt, Gas gegeben. Einmal sah ich den Hintermann im Spiegel schleudern und hörte sogar das Schrammen der Reifen an den Betonkanten, das Quietschen der Bremsen, als der sich das Überholen kurzentschlossen anders überlegte. Nicht daß ich was gegen unverschuldete Auffahrunfälle von hinten hätte, aber nicht gerade im Ausland, im kalten Nebel, auf freier Strecke, ohne Telefon und in Weihnachtsmannmontur.
Chociwel empfing mich mit dem Anblick von polnischen WBS 70-Häusern um eine dicke große Kirche herum. Ich fuhr einmal durch, aha, eine doch recht kleine Stadt. In einer Parklücke blieb ich noch etwas im Auto, wollte partout wenigsten 3 Sätze polnisch auswendig können. Klappte nicht. Hinaus mit Sack und Didgeridoo!
Der Geruch, der aus dem Himmel sackte, wie in DDR beim Verheizen von Muttererde, RBK. Vielleicht hatte auch nur jemand vergessen, die Luftzufuhr der Heizanlage zu öffnen. Für eine wärmere Welt.
Ich nahm Fühlung auf, spazierte die Hauptstraße entlang. Da manchmal Weihnachtsmannfiguren in Fenstern hingen, ich auch einmal eine solche Baumarktfigur als Fassadenklimmerer entdeckte, kam ich mir einsame Gestalt nicht so ganz exotisch vor, zumal das Hupen und fröhliche Winken von Autoinsassen mich den ganzen Abend begleitete, sobald ich durch die Stadt lief. Manchmal riefen die Leute auch was aus den Autofenstern oder von der anderen Straßenseite, was ich in englisch erwiderte (ich wollte mich auch fürderhin nicht gleich anfangs als Deutscher outen, pflegte eher die Story vom Santaclaus from far away). Allerdings sagte ich versehentlich statt "Merry Xmas" oft "Very Xmas". Aber kommt das nicht eh auf das gleiche raus? Married Xmas.
Mein ersten Anlaufpunkt: in einer Seitenstraße ein kleines altes Gehöft, alter Zaun, neues Auto auf dem Hof. Ein Blick durchs Fenster zeigte mir eine mit vielerlei Geschirr gedeckte große Tafel, herum gerade genug Platz für Sessel, Sofa, Stühle, Schrankwand mit laufendem Fernseher. Ein Mann im weißen Hemd, im Sessel, beschlipst, 2 Kinder, ebenfalls in weißen Blusen, eine ältere und eine jüngere Frau am wirtschaften. Ich klopfte ans angelehnte Fenster, Schrecksekunde beim Mann, eben noch ins fernsehen vertieft, die Kinder beide neugierig, freudig überrascht erst am Fenster, liefen dann zur Haustür, ich mein freundliches merryvery, den Sack ließ ich etwas kucken. Dann hatte sich der Schlipsträger aufgebaut und schwallte mich zu, kein Fußbreit den Weihnachtsmännern!, ich vernahm "traditionalirgendwas", verstand und verschwand. Wahrscheinlich wäre das bei den Läuten auf Mitbeten hinausgelaufen. Noch mal Glück gehabt.
In der Neubausiedlung, auf der anderen Straßenseite 2 Köpfe im Fenster, offenbar mich in der Linse (den ganzen Abend über würde ich keinem einzigen anderen Weihnachts- oder Sternen- oder Schneemann begegnen). Ich winkte und ging hinüber, eine Treppe, wurde an der offenen Wohnungstür sogleich empfangen. Ein Mann bat mich hinein. Wir einigten uns schnell auf deutsch als Umgangssprache, seine Kinder lernten angeblich englisch in der Schule, aber selbst meine wenigen Brocken verstanden die nicht. Die Frau vons ganze bekam ich kaum zu sehen, bereitete noch das Fastenessen in der Küche zu und vor, während der Vater vom Vater sich in die Ecke hinter einen schmucken Weihnachtsbaum verkrümelte. Ein Fernseher lief die ganze Zeit im schmalen WBS 70-Wozi. Mir wurde ein Tee gekocht, ich packte aus, etwas getrieben vom Leuchten der Kinderaugen. Ja, aus dem eigenen Garten die Äpfel. Nein, C. Niemen war kein berühmter Interpret polnischer Klassik, sondern eher Jazzer, Elektroniker, 70er Jahre – ich erläuterte dem Mann die geschenkte DLP namens "Enigmatic". Ob ich aus der DDR käme, der Mann wies auf mein Koppelschloß, wir grinsten, unterhielten uns etwas, ich versuchte paar Späße mit den Kindern. Der Junge versicherte mir, jeden Tag höchstens eine Stunde vor dem Fernseher zu sitzen, das Mädel gab zwei Stunden zu. Ich meinte, so lange der aus ist, schade das Sitzen ja auch nicht unbedingt.
Als der Tee Trinktemperatur hatte, spielte ich noch ein Ständchen auf dem Didge und wollte gehen. "Sei vorsichtig!", riet mir der Mann. Hä? "Na, die Polen, weißt du..." Nee, weiß ich nicht. "Warum soll ich denn vorsichtig sein?" Na vorsichtig eben, "die Polen sind nicht alle gut." Ja, wer hätte das gedacht! Aber wieso gerade die Polen? Er wiegte nur besorgt den Kopf hin und her. Während die Frau mir unversehens eine Tafel Westschokolade in die Hand drückte, Widerstand zwecklos.
Draußen die angenehme Kühle, nach der Stauwärme drinnen unter meiner Dienstkleidung eine Wohltat. Ich zog um die kleinen Blocks mit vielfach bunt beleuchteten Balkons und den großen sozialistischen Fenstern ("große Fenster wünsch ich allen Leuten, die Gardinen spärlich nur und dünn..." Oktoberklub, oder "Häuser mit Wänden aus Glas" in einem kubanischen Gedicht...). Aus der Ferne sah ich einen Balkon voller Leute, Raucherinsel, ich schlenderte hinüber und sagte Hallo, very far away und das Zeugs – come on! war die Antwort. Mit der Vorderfront zu mir! stapfte ich zum Treppenhaus, die Wohnungstür stand offen, mindestens zwei WE zusammengelegt, dachte ich mir, so etwa 4 Generationen waren hier versammelt, es wuselte und freute sich umher. Mein Blickfang darunter eine so schöne zarte lebendige Frau im schwarzen Mini. Einfach so dabei.
Ich hätte sie sofort zur Miß Wirtschaft gewählt. Die Gefühle holten mich etwas aus dem Spiel in die Realität. Wie Labsal und doch nicht sattsehen. Ich wurde aufgefordert, die Geschenke unterm Baum hervorzuholen und zu verteilen, wallte deines Amtes, Niklas, die Namen standen auf dem Geschenkpapier.
Als erstes ein kleines Mädel, ein flacher Karton, größer als sie, sie schnitten das Geschenkpapier auf: rosa Plastemüll in pink, "Frisiersalon" oder so was. Und offenbar die Tochter des wunderschönen weiblichen Wesens. Und ein Foto im Arm des Weihnachtsmannes – eine andere junge Frau stand auf dem Sofa und knipste. So ging es alle durch, Helena, Sylvia, Suzan, Marta... nee von den Männern fällt mir wirklich kein Name mehr ein, hm. Ein Fotoshoting und fröhliches Gehabe, mit der Schönen im Arm war es neben dem Beben vom Lachen auch eines von tiefer her.
Wir redeten hier meist englisch, meine Geschenke lagen noch unberührt unterm Baum, als ich im Flur das Didge griff und losdröhnte. Alles klatschte, ein Mann reichte zum Abschied eine Flasche Schnaps (Marke "Wojtyła", wie ich aus dem Augenwinkel erschmuhlte), die ich rigoros ablehnte, eine der Frauen hielt Geld in der Hand, No No, eine andere eine Tafel Ostschokolade – keiner verläßt den Saal ohne Gegengabe.
In der Stadt dann wieder das Hupen und Winken, Niklas!
Ich schlug mich in eher unbefestigte Seitenstraßen, manche Häuser dunkel, andere in Partylaune, ziemlich still alles. Große alte Bäume hoben und senkten den Weg. Die wären hierzulande schon längst abgesäbelt, es könnte ja ein Vogel im Gezweig sitzen und auf ein Auto scheißen. Und wie soll man denn überhaupt ein gerades Betonpflaster hinkriegen? Nee, wech damit! N Gutachten, wie einsturzgefährdet die olle Linde ist, kann man ausm Netz runterladen. So viele Ämter ließen sich kostensenkend automatisieren...
Ich, als gelernter Bauing, schaute mir hin und wieder die einsturzgefährdeten Laternen- und Strommasten genauer an. Hierzulande hätten sie die ganze Stadt wahrscheinlich sofort evakuiert: Gitterstahlbeton aus sozialistischer Elektrifizierung des ganzen katholischen Landes, Bewehrung größtenteils freiliegend, manchmal standen die Masten nicht mehr gerade, manche waren eindeutig geknickt, manche mehrmals. Mir ist es jedenfalls weitaus sympathischer, die Dinger mal krachen zu lassen, als in vorauseilendem Gehorsam die Wirtschaft anzukurbeln und alle 12 Jahre Dächer neu einzublechen oder die Strommasten zu verbuddeln.
Am See, der die Stadt besäumte, suchte ich eine wuchtige Weide, zu dritt hätten wir die vielleicht umfassen können, lehnte mich an und trötete mit dem Didge los. Unbefleckte Geburt. Gibt es Studien, wissenschaftliche Forschungen, welche sich mit den psychischen Folgen für Kinder befassen, die per Kaiserschnitt ihre Geburt erleben durften? K.u.K. – Kondom und Kaiserschnitt. Ich ging dann irgendwann wieder weiter.
Ein altes großes Vorkriegsmietshaus, gegenüber eines Denkmals aus Vorwendepolen, welches an die Schrecken des Krieges erinnerte. Chociwel muß offensichtlich großflächig zerstört worden sein, da die Hälfte der Stadt aus Plattenbauten besteht. Leere Wohnungen habe ich in denen nicht gesehen. Was ist Ideologie, was ist Lebensqualität, das die Leute hochverschuldet auf ihr Handtuch ins EFH-Ghetto ziehen läßt?
Das große, graue, ungehübschte Mietshaus, Eingang hinten, auch hier die Haustür unverschlossen, äußerst sympathisch. Leute kamen mir entgegen, erwiderten mein veryvery polnisch lachend. Ich ging etwas die Treppen hoch, bis ich mehrere Schuhe vor einer Tür sah, dort drückte ich die Knöpfe an der Wand, weder Licht war zu hören, noch die Klingel zu sehen. Also im Dunkeln klopfen. Ein Mann in braunem Anzug öffnete. In unglaublich fließendem Polnisch machte er mir im Handumdrehen klar, daß ich mal woanders meine Qualitäten entfalten solle. Gegenüber? Tak Tak. Da reagierte keiner. Hinter der Mitteltür war Streit zu hören, dann Kichern. Ich ging bis ins Dachgeschoß , bis wieder etliche Paar Schuhe vor einer Tür standen. 2 junge Frauen mit Klein- und Kleinstkind ließen sich beschwatzen und mich ein. 3 Generationen um einen Tisch, auf dem zwischen den vielen Fastenspeisen keine Kerze einen Platz finden würde. Der Fisch sah größtenteils wie Hühnerklein und Schweinerippe aus. Stand überhaupt was anderes als Fleisch auf dem Tisch? Hm, einen Tee hätte ich gern. Andere Angebote wehrte ich ab. Wir einigten uns nach einigem Hinundher auf deutsch. Die Worte vegan und vegetarisch stießen weder darin noch in englisch auf Verständnis. Ja, es lag in der Luft, ich mußte erstmal was auspacken. Die Leute rissen förmlich die Geschenkpapiere auseinander, der Kleinste freute sich über diese knickbare Gummi-Holz-Figur, Seifhennersdorf, Oma und Papa mit ihm. Mutti freute sich über Parfüm, Farfalla.
Ich pflanzte mich direkt vor den Fernseher, bestand auf leiserdrehen. Ob das mein Beruf sei, kam die Unterhaltung ingang. Ja, so ungefähr, meinte ich. Ob ich damit in große Städte gehe? Nee, ich bin lieber in kleineren unterwegs. Ja, Szczecin solle ich meiden, kein guter Ort. Voller Laster? Verruchten Verführungen? Es blieb im Dunkeln. Die beiden Gastgeber arbeiteten schon lange, seit mehr als 12 Jahren (1 Monat arbeiten, 1 Woche frei) in Hannover. Manchmal ging das aber nicht gemeinsam, zusammen. Der Mann aufm Bau, Häuser sanieren, renovieren. Ich meinte, ich mache auch manchmal Bausachen, Lehm und so. "Lehm" kannte er nicht. Aber als ich "Putzen" sagte, fiel die Frau ein, ja, genau das mache sie auch, bei Leuten in Hannover Wohnungen putzen, wir Männer lachten, nee, das Putzen meinen wir nicht.
Wie schwer die deutsche Sprache sei, mit der die das und so. Huchje! und wie das denn nun hieße, Niklaus, Weihnachtsmann oder Schneemann, was ich hier treibe. Sie jedenfalls werden noch die 3 Stunden in die flache Röhre kucken, um dann zur Mitternachtsmesse in die Kirche zu gehen. Ich versuchte, die beiden jungen Kerls hinterm Tisch ins Gespräch zu kriegen, auf was im nächsten Jahr sie sich denn freuen würden. Trotz verschiedenen Ausdrucks in deutsch und englisch verstanden sie die Frage nicht. Der Bauarbeiter dann aber schon: Tja, 2013... Hannover, viel Geld verdienen, was denn sonst, schmunzelte er.
Yeah, der Tee war aus, Gespür für den richtigen Zeitpunkt war an. Mein Didge-Gedröhne noch kurz im Flur, dann schlüpfte ich wieder in Stiefel und Handschuhe. Ein blauer Geldschein wedelte wiederum vor meiner Nase, höflich bestimmtes Nein verdünnisierte ihn, ob ihnen sonst noch was fehlt zu Weihnachten murmelte ich hinterdrein.
Um die Ecke, in einer Seitenstraße wendete jemand mühsam kurvend ein Auto. Wie kann ein so altes Auto noch fahren? Offenbar geht’s auch ohne TÜV. Dann sah ich die Leute, die wohl da einsteigen wollten, aus einem Hausflur kommen. Eine alte Oma, geleitet, mit der Nase in Bauchnabelhöhe, wie kann man so krumm noch laufen? Der Chauffeur blickte ziemlich finster drein. So ganz ohne Flecken kriegt man Empfängnis, Geburt und Tod eben doch nicht hin.
Der Plattenbau daneben, fast alle Fenster hell, bunt, freundliche Wohnungen zu sehen, auf einem Balkon ein Raucherinselbewohner grinste mich an, ich lauschte genauer hinter seine Ansprache, da war irgendwo Gesang zu hören. Angeblich sollen die Polen ja an diesem Abend ununterbrochen die schönsten Lieder singen. Nun hörte ich tatsächlich mal was, und ich fand den richtigen Aufgang, die richtige Wohnung. Ich fragte das Mädchen an der Tür, ob ich zuhören dürfe, in english please, yes, why not. Eine Mutter mit hochgestecktem Haar in beschwingtem Kleid, ihre Töchter, irgendwer war noch in den Nebenräumen, sie waren gerade im Aufbruch, räumten Sachen zusammen, ich stand an der Wand, überall war Licht, von überall kam dieser Klang, der mich direkt ans Leben band, ich, der Weihnachtsmann, der manchmal das Radio anmacht, nur um ihre Stimme zu hören, egal, was Ulrike Heckmann gerade sagt. Manche Frauenstimmen können mich intensiv berühren, da klingt etwas sanftes, leichtes in mir mit, wenn dann noch paßt, was gesagt oder gesungen wird, bin ich geliefert.
Das polnische Lied, was ich da hörte, kannte ich überhaupt nicht. Bißchen scherzte eine der Töchter das in Richtung Kanon. Mensch, tat das wohl. Der Tisch war leer gefuttert, Geschenke wollte niemand sehen, Zeit war knapp, aber ich könnte auch noch singen. Ja, bald nun ist Weihnachtszeit. Zu Ende gesungen habe ich nicht, so ganz aus wachen Augen angeschaut werden, da will ich was wesentliches von mir geben. Aber was für einen Sinn hätte das gehabt?
Schnell war ich wieder weg. Gegenüber waren dutzende Meter Leuchtkabel im Garten, ums Haus verlegt, aus diesem Blickwinkel sah das eine Gebilde wie ein Kolibri aus. Winternektar.
Nirgends wurde aus der Bibel vorgelesen, da hätte ich mich gern angeboten.
Unter keinem Tisch lag ein Ballen Stroh, ich hätte den kürzesten Halm gezogen.
Neben meinem Auto aß ich die letzten beiden Äpfel, und steckte dann gegenüber in die Briefkästen noch einige Geschenke. Und also fuhr ich der Nacht wieder davon. Dicker Nebel auf dem Weg zurück, trotzdem sah ich rechtzeitig Fuchs und Waschbär. Wie auf der Hintour Herbst in Peking. Werde ich im nächsten Jahr wirklich nach Dänemark fahren, um dort die Leute zu bescheren? In einer Zeitung hatte ich gelesen, daß in England und Dänemark etwa ein Drittel der Leute zu Heiligabend betrunken ist. Das könnte noch mal neue Erfahrungen geben. Vielleicht ist das Fest der Liebe nur so zu ertragen?
Ach nö, ich krieg’s ja auch anders hin.
Der deutsche Tankwart dann, die gelbe Lampe warnte schon, fragte mich (noch immer in Vollmontur), wo denn mein Sack sei? "Na der ist jetzt ziemlich leer, aber für dich habe ich noch was, Moment." Ich ging fix zum Auto und holte ihm was. Der konnte es dann glauben.

Li B. Ro

P.S. In Demmin stoppte ich noch mal. Energie, Testosteron, Adrenalin, ich brauchte einen Schlußpunkt. Hielt am neuen Ulanendenkmal. Das Mörderpack, hier in dieser bescheuerten Verehrung, die würden samt Verehrer und Erinnerer auch wieder in Polen einmarschieren. Klar, Zeugnisse der Ulanen, Kanone, Schilderhaus – die aufgespießten, niedergerittenen, gemeuchelten Kinder, Frauen, Männer, die haben wohl Meineid geleistet! Als Zeugen uninteressant. Ich hatte das alles vor Augen, das zarte weibliche, was mich in Polen berührte, dachte an niedergemachte Frauen, Kinder, die vielleicht was anderes mit ihrem Leben anfangen wollten, als von Major Ficker aufgelanzt zu werden.
Ich hielt das Didgeridoo durchs Gitter ins Schilderhaus und schmetterte, schrie los. 25,1 Minuten, bis ich nicht mehr konnte.
Keine der Infotafeln, die Waffen, Kasernen, Uniformen und solche erstrebenswerten Güter zeigten, ließ sich erschüttern. Ortsüblich unbeachtet verhallt. Weihnachtsverkehr hin und her.

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