Freie Kooperation (Spehr)

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Die Theorie der freien Kooperation ist ein Versuch einer Antwort auf die Frage: Was ist Freiheit.

Freie Kooperation ist ein - praktiziertes - Konzept aus dem Umfeld wertkritischer Anarch(okommun)isten, das Christoph Spehr in seinem Buch "Die Aliens sind unter uns - Herrschaft im demokratischen Zeitalter" aufgegriffen, aber in zentralen Punkten missverstanden und zu dem er in seinem Text "Gleicher als Andere" spezifischere, jedoch noch immer auf grundlegenden Missverständnissen beruhende Gedanken geäußert hat. Spehrs Grundmissverständnis ist das des Begriffs Kooperation an sich, den er - diametral entgegen dem allgemein-wertkritischen Gebrauch - in den Kontext eines "vergleichbaren und vertretbaren Preises" stellt, womit er de facto nur die Marktwirtschaft neu erfindet.

Praktizierte, echte, wirklich freie Kooperation kommt dagegen gänzlich ohne Preise aus, denn sie ist ja gerade kein Tausch.

Eine kurze Einführung inklusive weiterführenden Links auch zum Originaltext gibt es hier: http://www.thur.de/philo/kooperation.htm

Nach Spehr liegt "Freie Kooperation" vor, wenn Verteilungsverhältnisse von allen Beteiligten "jederzeit neu ausgehandelt werden können". Zugleich müssten alle die Kooperation jederzeit verlassen und Einfluß auf die Regeln nehmen können. Sie seien gleich, indem sie zu einem vergleichbaren und vertretbaren Preis die Kooperation verlassen oder ihre eigenen Leistungen einschränken könnten. Linke Politik müsse sich zur Idee der Freien Kooperation bekennen und die Voraussetzungen für diese "immer wieder aufs neue durchsetzen".

Politik und Antipolitik

  1. Die Theorie der freien Kooperation macht keinerlei Vorschriften. Jede Kooperation gibt sich ausschließlich selbst ihre Regeln und jeder einzelne wirkt mit an der Gestaltung dieser Regeln oder verläßt die Kooperation nach eigener Entscheidung.

  2. Die Theorie der freien Kooperation erhebt keinen Anspruch etwas zu wissen, was nicht jedermann aus eigener Erfahrung zugänglich ist. Jedermann muß sich selbst das Wissen aneignen, das er braucht. Nichts wird von ihm abgefordert.

  3. Keine Art von Kooperation ist wichtiger als eine andere. Jede Kooperation definiert sich selbst, ob es ein Skatverein oder eine Produktionsgenossenschaft ist, macht keinen Unterschied.

  4. Die Theorie der freien Kooperation hat nicht das Ziel, eine gute Gesellschaft zu schaffen. Sie weiß nicht, was ihr Ergebnis sein wird.

  5. Die Theorie der freien Kooperation ist nicht richtiger oder besser als andere. Jedenfalls kann sie das nicht behaupten oder beweisen. Sie fordert einfach die Realisierung von Freiheit und Gleichheit.

  6. Die Theorie der freien Kooperation enthält Widersprüche, aber diese sind nicht größer als die Widersprüche des Kapitalismus oder des Realsozialismus. Sie sind eben anders und eröffnen neue Möglichkeiten.

  7. Die Theorie der freien Kooperation kann nicht theoretisch begründet oder widerlegt werden, wie jede andere Theorie auch. Sie berät die Menschen, die Freiheit und Gleichheit wollen, in ihrer praktischen Tätigkeit und kann nur in der Praxis bestätigt oder widerlegt werden.

  8. Die Theorie der freien Kooperation geht davon aus, das alle sozialen Beziehungen sehr komplexer Natur sind, es gibt keine einfachen. In komplexen Systemen gilt aber das Prinzip der Selbstähnlichkeit. Deshalb kann man unterstellen, das große Gesellschaften im Prinzip ähnlich funktionieren könnten wie kleine Gruppen, Familien, Vereine, Genossenschaften usw., wenn man von den Prinzipien der Selbstorganisation ausgeht und die Selbstregulation der Untersysteme beachtet.

  9. Die Theorie der freien Kooperation fordert nicht die Herstellung einer bestimmten Ausgangssituation, wie etwa die revolutionäre Umwälzung und Herstellung sozialistischer Verhältnisse, sondern geht von der gegebenen Situation aus und erwartet die Befolgung ihrer Ratschläge zur Abwicklung der Herrschaftsverhältnisse in den praktisch existierenden Beziehungen und ihre fortschreitende Umwandlung in mehr oder weniger freie Kooperationen durch kontinuierliche linke Politik.

wikifiziert aus http://home.t-online.de/home/bertram.koehler/gleicher.htm (404 NOT FOUND, Mai 2004)


Siehe auch:


Das "...eine freie Kooperation jederzeit verlassen können..." kann aus meiner Sicht nicht korrekt sein. Jede bedeutendere Kooperation beruht auf geschriebenen oder ungeschriebenen Verträgen, die keinesfalls jederzeit verlassen werden können. Es wäre nicht sinnvoll, wenn der Flötist eines Symphonieorchesters nach dem ersten Teil eines Konzertes sagen würde: "jetzt spiel ich nicht mehr weiter". Der Vorteil der Freiheit stünde in keinem Verhältnis zum angerichteten Schaden. Verträge stehen nicht im Widerspruch zur Freiheit, wenn sie fair sind, ohne Zwang, Täuschung und existenziellen Druck zustande gekommen sind, und wenn sie sinnvolle Ausstiegspunkte (z. B. eine begrenzte Vertragslaufzeit) beinhalten.

Eine Anstellung in einem Orchester ist also keine freie Kooperation. Freie Kooperation ist ein Versuch zu klären, was Freiheit überhaupt bedeuten kann. Wenn der Flötist nach dem ersten Teil des Konzertes geht, findet das Konzert ohne ihn statt und er wird gefeuert. Wenn es sich um ein renomiertes Orchester handelt, wird er als Flötist nicht mehr einfach einen Job bekommen. Ohne Job kein Geld, ohne Geld schlecht Leben. Das sind die "Trennungskosten" für den Flötisten. Das Orchester heuert einfach einen neuen Flötisten an. Die Kooperation "Musiker in bezahlter Anstellung bei einem Orchester" ist wie alle anderen Lohnabhängigkeiten bei einem Überangebot von Arbeitskräften kein freies. Der Zwang beruht Teils auf existenziellen Druck, Teils auf sozialem, ist also StrukturelleGewalt. Anders ist dies bei einem freiwillig musizierendem Ensemble, dass ohne Geldnot auftritt. Der Preis des Weggehens ist für alle ähnlich: weniger Spaß beim Musizieren.

Eingefügter Kommentar: Auch wenn es sich um ein nicht-kommerzielles Laienorchester im Turboanarchokommunismuszeitalter handelt, ist "mitten im Konzert" kein besonders geeigneter Ausstiegszeitpunkt. Oder noch deutlicher: 2 verabreden sich dazu, sich gegenseitig nacheinander über einen Fluß zu helfen, und der erste steigt aus, nachdem er drüben ist ... Das "jederzeit" ist also nur Bullshit.

jhartmann

"Freie Kooperation" ist ein schöner Begriff, den man mit Leben erfüllen sollte, indem man eine brauchbare Definition dazu entwickelt. Eine enge Definition, wie im letzten Absatz angedeutet, die in keiner wichtigen Kooperation realisierbar ist, würde ihn unbrauchbar machen. Jede wichtige Kooperation enthält vertragliche oder soziale Verpflichtungen. Wenn man diesen nicht gerecht wird - völlig unabhängig von existentiellen Fragen - verliert man zumindest Vertrauen und damit weitere Kooperationschancen. Das kann gar nicht anders sein. ich würde das nicht als strukturelle Gewalt bezeichnen, weil dann jede soziale Beziehung mit Gewalt zu identifizieren wäre. Ich sehe Gewalt aber nur dort angesiedelt, wo jemand aus Eigenwillen fremde Interessen schädigt.

Spehr bezeichnet soziale Konstellationen von Menschen als Kooperation. Deinen Gebrauch von Kooperation verstehe ich eher als geschäftliche Beziehung. Diese kann aber gar nicht frei sein, beruht Sie doch auf der Akzeptanz des Eigentums. Freie Kooperation im Sinne Spehrs ist kein schöner Begriff sondern die Bezeichnung für eine Theorie von Freiheit.

thomas

Das verstehe ich nicht. Auf der ganzen Seite war bisher nicht von Eigentum die Rede. Wie soll Eigentum mit dem Begriff der Kooperation verkoppelt sein? – Kooperation kann viele Formen haben. Auch eine Begrüßung ist eine Form von Kooperation. Jede Kommunikation ist Kooperation. Natürlich ist eine geschäftliche Beziehung auch eine Form von Kooperation, noch dazu eine, die meist von beiden Seiten positiv gesehen und freiwillig eingegangen wird. Warum kann eine solche Kooperation - unter guten Bedingungen - nicht als "freie Kooperation" bezeichnet werden?

Sprechen wir über das gleiche ? Diese Seite handelt von der Theorie Spehrs. Ich zitieren Spehr nach Annette Schlemm:

-

Freie Kooperation hat drei Bestimmungen:

-

Wenn Du über geschäftliche Beziehungen im Rahmen freier Kooperation sprichst, sprichst Du über den Beziehungsrahmen der diese trägt, also Rechtstaat, Eigentum, Knast etc.

thomas

Ganz sehe ich das nicht so, denn Geschäfte lassen sich auch außerhalb eines Rechtsstaats und ohne Eigentum und Knast machen. Zwei Kinder können sagen "du hilfst mir bei Mathe, ich dir bei Englisch". Nomaden können Kamele gegen Datteln tauschen. Aber ich verstehe. Freiheit, Kooperation und "freie Kooperation" haben ihre Funktion als Begriffe technischer Systeme und umgangssprachlicher Vernunft zur Beschreibung der Realität verloren und sind hier in das Eigentum Spehr'scher Theorie übergegangen. Darf dann diese Theorie hier kritisiert werden?

Du scheinst Dich angegriffen zu fühlen. Das war nicht meine Absicht. Ja, diese Seite ist genau dafür da, die Spehrsche Theorie zu kritisieren.

thomas

Sorry für die Gereiztheit obiger Formulierung. Aber ernsthaft: Für mich ist nicht klar, ob FreieKooperation und die Frage der "künstlichen Verknappung" nicht zum Kernbereich des Selbstverständnisses des CoForum gehören. Dazu gehört auch mein Eindruck der Nähe zu OpenTheory, einer hochintellektuellen "linken" Theorielastigkeit. Ich fühl mich da nicht beheimatet. Ich kann alle idealistischen Ziele einer Materialismus- und Kapitalismus-Kritik, einer Suche nach einer besseren Welt teilen, aber ich tue mir schwer mit den gegebenen Antworten. Man könnte eine Kritik auf eine eigene Seite setzen, um die Darstellung der Theorie nicht zu stören. Ein zentrales Glaubensbekenntnis möchte ich aber nicht angreifen. Ist der Gedanke "solange es Eigentum gibt, kann per Definition keine Freiheit sein" zentral für das CoForum?

Hm. Gibt es ein Selbstverständiss des CoForum ? Ökonomie, Eigentum, Theorie, das sind CoForumThemen neben anderen. Ich habe noch nicht viele Antworten gefunden. CoForum ist Teil der Suche. Teilen wir die Ziele, oder haben wir ähnliche Wahrnehmungen von Mängeln ? Ich persönlich denke, dass eine Kapitalismus-Kritik zu kurz ist, das die Wurzeln des Unbehagens viel tiefer liegen. Siehe dazu zum Beispiel Matristische und patriarchale Konversationen.

Welche Fragen treiben Dich im Context des CoForum um ?

Welche Antworten hast Du hier gefunden, die Du nicht teilen kannst ?

Nochmal zum Thema dieser Seite: Ich verstehe FreieKooperation als Teil der Untersuchung, was unter "Freiheit" verstanden werden soll.

thomas

Das Verständnis für sozialen Systemen und Kooperation ist ein Überlappungsbereich zum GründerWiki und dem, was mich an Online-Communities interessiert (Interessieren ist zu schwach, es ist elementar zur Unterstützung der vielen sozialen Systeme die rund um WikiService wachsen wollen). Einige Begriffe wie Freiheit oder Synergie sind dafür so zentral, dass ich bereit bin, um sie zu ringen. Der "sozialidealistische" Teil des Internet, zu dem ich das CoForum auch rechne, ist mir ein Rätsel, das ich gerne verstehen würde. (1) Soziale Menschen, die sich aber ungewöhnlich kontraeffektiv - du bist eine Ausnahme - davor scheuen, unter ihrem Realnamen authentisch aufzutreten (bis zur Unmöglichkeit unter RecentChanges hier zu sehen, wer was ändert). (2) Anti-Kapitalisten, den klar sein müsste, dass der Kapitalismus nicht zu bekämpfen ist, solange der Grabenkampf ins christlich-idealistische Lager nicht überwunden wird. (3) Jede Menge intellektueller Energie, die keinen archimedischen Punkt findet, um etwas in Bewegung zu setzen. Theorie-Verliebtheit bis zur Selbstaufgabe. – Ein großes Rätsel.

Hallo an Helmut auch an dieser Stelle :) Diese (und weitere, oben genannte) Punkte fände ich auch diskussionswürdig. Dann sollten wir (Thomas?) aber ein paar eigene Seiten dazu eröffnen, um uns an dieser Stelle auf "freie Kooperation" zu konzentrieren.

TiM

Neuer Definitionsversuch: FreieKooperation

Wie schon auf der Seite "Kooperation" selbst festgestellt, bedeutet Kooperation zunächst nur Zusammenarbeit verschiedener Menschen oder Organisationen an etwas, z. B. im politischen oder wirtschaftlichen Bereich. Nicht selten werden dabei auch zumindest teilweise gemeinsame Ziele der kooperierenden Partner unterstellt.

Eine Abgrenzung zwischen "freier Kooperation" und "unfreier Kooperation" erscheint sinnvoll, da beide Arten von Kooperation unter verschiedenen Bedingungen stattfinden und zu verschiedenen Ergebnissen führen. In diesem Zusammenhang würde ich unter "freier Kooperation" verstehen, dass die Zusammenarbeit auf freiwilliger Basis passiert und die Art und Weise der Kooperation im Konsens und ohne Hierarchien geklärt wird. In der Regel würden dabei alle Beteiligten etwas zur gemeinsamen Arbeit besteuern und von den Ergebnissen profitieren (Austausch). "Unfreie Kooperation" wäre dagegen eine Zusammenarbeit, die nicht auf Freiwilligkeit basiert, also zum Beispiel durch äußere Anreize und Zwänge oder direkten Einfluss durch einen der Beteiligten herbeigeführt wird.

Ein Beispiel für freie Kooperation im Bildungsbereich sind SelbstOrganisierteSeminare, ein Beispiel für unfreie Kooperation das gemeinsame Schreiben einer Hausarbeit mit zugewiesenen Partnern im Rahmen des Studiums. Schon dieses Beispiel zeigt, dass die Umstände beider Varianten (Motivation, Ziele, Partizipation, Hierarchien, Ziele, Erfolg und Misserfolg, Arbeitsteilung etc.) meist sehr unterschiedlich sind.

Das Beispiel zeigt allerdings auch, dass beide Begriffe eher theoretische, modellhafte Konstrukte sind. So üben auch die Teilnehmer eines selbstorganisierten Seminares (unbewussten) sozialen Druck aufeinander aus, ist jede Form von Kommunikation auch eine Art von Beeinflussung, während ein Studium oder eine Hausarbeit nicht nur allein für den Schein oder das Diplom absolviert werden, sondern meist auch zumindest teilweise aus persönlichem Interesse am Thema.

Die Frage wäre aus meiner Sicht also nicht, wie eine 100% perfekte (freie) Kooperation zu erreichen wäre, sondern wie insgesamt oder konkret in bestimmten Bereichen Bedingungen und Bewusstsein für stärkere freiwillige Kooperationen geschaffen werden können - und warum freie Kooperation offenbar so oft auch scheitert.

(Und noch eine Anmerkung zum Seitenthema: es wäre unausgewogen, sich hier lediglich auf die Positionen von Spehr zu beziehen. Dann hätte die Seite KritikAnSpehr oder so heißen sollen .)

TiM

Wir sollten wohl der Spehrsche Theorie auf eine andere Seite verschieben (bitte um Vorschläge zum Namen).

Freiheit als Abstraktum taugt nicht. Freiwillige Kooperation enthält auch Frei als Abstraktum (Freier Wille). Pädagogik als "freie Kooperation" heißt Nichtdirektive Pädagogik. Was wollen wir unter "frei" verstehen. Wie grenzen wir positiv und negativ die Art der Zusammenarbeit ab, über die wir sprechen wollen ?

Das Problem ist vielschichtig. Ich kann mich "frei" mit jemanden zusammenschließen, um eine erzwunge Situation (fehlen von Geld) zu meistern. Schichten wären also

Um hier voran zu kommen, ist eine Differenzierung wohl notwendig.


Ich finde es gar nicht so verkehrt, sich erst einmal an Spehr abzuarbeiten. Er ist immerhin einer der wenigen (naja, zumindest kenne ich kaum andere), der sich konkret mit Kooperation befasst. Aus einer Auseinandersetzung mit seinen Thesen könnten sich m.E. ex negativo sinnvolle Defintionen ergeben. Auch wenn es mittlerweile eine Weile her ist, seit ich "Gleicher als andere" gelesen habe, daher hier ein paar Gedanken von mir zur Kritik an Spehr. Vollständigkeit ist hier selbstverständlich nicht gegeben, was schon dadurch fast verunmöglicht wird, dass Spehr sich aus allen möglichen Theorien etwas zusammen rührt, die Gedanken aber nie wirklich zu Ende führt, was sein Werk sehr in sich widersprüchlich macht. Wenn man wie ich nicht die Zeit hat, dies alles heraus zu arbeiten, muss man sich auf einige jeweils für das Thema wesentliche Punkte beschränken.

Spehr ist im Grunde jede Kooperation Tausch. Damit bleibt er aber zutiefst der kapitalistischen Denkweise verhaftet, welche unkritisch darauf reflektiert, dass auf dem Arbeitsmarkt Arbeitskraft gegen Lohn getauscht wird. In früheren Gesellschaftsformen (z.B. der Sklavenhaltergesellschaft) wäre hingegen wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, den Tausch als zentral für zwischenmenschliche Beziehungen zu betrachten. Den Tausch (von Arbeitskraft) projiziert Spehr aus der Ökonomie dann auf sämtliche Bereiche des menschlichen Zusammenlebens, daher ist ihm auch ein Skatverein strukturell das gleiche wie ein kapitalistisches Unternehmen.

Da er Tausch für ein Essential hält und ihn daher nicht kritisieren kann und will, ihm als Linken aber aufstößt, dass es vielen Leuten in der Tauschgesellschaft nicht gut geht, macht er das selbe wie der Sozialdemokratismus: er beschwert sich, dass es beim Tauschen momentan nicht gerecht zugänge. Anders als der Sozialdemokratismus aber, fordert Spehr nicht einen "gerechten Lohn für ein gerechtes Tageswerk" - und umgeht damit die Schwierigkeit, zu bestimmen, was ein "gerechter Lohn" denn bitte sein soll - sondern setzt immerhin richtig an dem Punkt an, dass die Höhe des Lohns sich aus dem Erfolg in der wechselseitigen Erpressung zwischen ArbeiterInnen und Kapital ergibt.

Auch dies projiziert er wieder auf sämtliche menschlichen Beziehungen, so dass ihm ein Arbeitskampf das gleiche ist, wie ein Streit in einer Skatrunde. Aber bleiben wir beim relevanten, also beim Arbeitskampf: Spehr will hier Gerechtigkeit (auch wenn er es nicht so nennt) herstellen, in denen er die Verhandlungsposition der ArbeiterInnen stärkt - ihr Ausscheiden aus der Firma soll für den jeweiligen Kapitalisten einen vergleichbaren Schaden bringen wie für sie, weshalb sie einen Teil der Firma mitnehmen können sollen (vgl. z.B. die Säge der Benita Torres). Spätestens hier aber stellt sich das gleiche Problem wie bei der Forderung nach dem gerechten Lohn (auf das Spehr m.W. keine Antwort gibt): wie bestimmt sich der 'gerechte' Anteil, den ArbeiterIn xy bei ihrem Abgang von der Firma mitnehmen darf?

Vor einem solchen Problem stehen letztlich alle Kritiken, die den Kapitalismus an einem von außen an ihn herangetragenen moralischen Maßstab messen und auch die spehrsche fällt darunter, wenn sie bemängelt, dass es beim Tauschen nicht "frei und gleich" zugeht. Da wir aber (leider!) in postmodernen Zeiten leben, gibt sich Spehr nicht der Illusion hin, seine persönlichen Moralvorstellungen als objektiv begründen zu können. Das ist ihm aber eben nicht Grund, moralisierende Kritik zu unterlassen, sondern seine Vorstellungen als subjektiv-beliebige hinzustellen, womit sie nicht mehr diskutierbar sind.

Auf Grund dieses Vorgehens kommt Spehr nicht ohne allerlei Idealisierungen aus - inkl. denen von Staat und Kapital. Dagegen, dass es KapitalistInnen und LohnarbeiterInnen gibt, hat er jedenfalls nichts. Nur sollen eben LohnarbeiterInnen, um ihre Verhandlungsmacht zu stärken, einen Anteil der Firma (d.h. des Kapitals) mitnehmen dürfen. Damit ist aber auch anerkannt, dass dem Kapitalisten weiterhin der Rest des Kapitals gehören soll und das es als gesellschaftlicher Zweck weiter um die Selbstverwertung des Kapitals (deren Agent der Kapitalist ist) gehen soll. Auch ist fraglich, was den ArbeiterInnen ihr Teil, den sie mitnehmen - bei Benita Torres: der halbe Schreibtisch des Chefs, den sie einfach absägt und mitnimmt - nutzen soll.

Davon einmal abgesehen, vernachlässigt Spehr auch, dass der bürgerliche Staat - durchaus im eigenem Interesse - möglichst gute Bedingungen für die Kapitalverwertung schaffen will und muss. Dazu zählt aber auch und gerade, dass er das Privateigentum schützt und er also gegen Benita Torres vorgehen müsste. Ebenso zählt dazu, dass er "den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse" (Marx) aufrecht erhält, der dafür sorgt, dass die meisten Menschen auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind. Für Spehr ist der Staat jedoch - auch hier sind die Ähnlichkeiten zum Sozialdemokratismus offensichtlich - ein quasi-neutrales Instrument, was mit den richtigen Leuten an der Regierung (für ihn: die PDS) genau so gut seine Vorstellungen umsetzen könnte. So soll dieser z.B. laut Gleicher als andere ein Existenzgeld zahlen und Infrastrukturaufträge an Kooperationen vergeben (die dann selbstverständlich kein Skatverein sein können), die "gleicher als andere" sind. Warum auch die PDS an der Regierung nichts in diese Richtung unternimmt und unternehmen kann, muss ihm daher wohl ein Rätsel bleiben.

Indem er einen Staat in seinem Konzept einbaut (was bei einer Tauschgesellschaft andererseits tatsächlich unumgänglich ist) handelt sich Spehr übrigens einen weiteren Widerspruch in ihr ein. Selbst wenn dieser in seinem Sinne handeln sollte, so müsste er doch ein über der Gesellschaft (bzw. über den Kooperationen) stehendes Gewaltmonopol sein, welches dann eben auch festlegen würde, was als 'richtig' gilt und was nicht und das dann auch durchsetzt.

Fazit: Das spehrsche Konzept ist für eines von "freie Kooperationen" untauglich, weil es im Tausch verhaftet bleibt. Zudem ist es in sich selbst widersprüchlich und teilweise unsinnig (so z.B. in der Gleichsetzung von Lohnarbeitsverhältnis und Skatrunde). Statt moralisierend "freiere und gleichere" Bedingungen beim Tauschen zu fordern, gälte es, das Tauschverhältnis zu Gunsten einer gemeinsamen Planung der Produktion zwecks Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse zu überwinden. Die Beteiligung an dieser Planung und ihrer Umsetzung erst ließe sich wirklich als freie Kooperation bezeichnen, weil in ihr die Menschen (anders als im Kapitalismus oder auch in der spehrschen Konzeption) sich nicht mehr als bornierte Konkurrenzsubjekte aufeinander beziehen würden. Dazu wäre aber eine Revolution, d.h. Überführung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum, Zerschlagung des Staates, Beseitigung von Ware, Geld und Tausch etc. nötig. Freie Kooperationen kann es also - anders als von Spehr behauptet - erst nach der Revolution geben.

Micha

hi micha, 1000 dank! find ich gut nachvollziehbar was du schreibst.

karl

Micha, deine Kritik macht meine geplante Kritik fast überflüssig. Nur zur Illustration deiner Kritik: Tausch ist zwar Kooperation, aber es gibt andere Formen der Kooperation (wie z. B. eine Löwenjagd von Eingeborenen oder ein Fußballspiel). Die Problemlösung Revolution kann ich allerdings nicht nachvollziehen, sie besitzt ihre eigenen Widersprüche. Ist hier eine "Kritik der Kritik" oder eine "Kritik der Revolutionsidee" erwünscht? Ich behaupte einmal: Problem ist nicht das Geld, sondern der unfaire und unsoziale Gebrauch des Geldes. Oder anders ausgedrückt: Das soziale Problem mangelnder menschlicher Solidarität und Fairness kann aus prinzipiellen Gründen nicht durch physikalische Maßnahmen beseitigt werden. Faire Arbeitsbedingungen können auch ohne Abschaffung des Geldes durch soziale Entwicklungen der Gesellschaft zustande kommen, was aber absurderweise nicht im Interesse des Revolutionärs sein kann, denn jede Abmilderung von Ungerechtigkeit entfernt ihn weiter von seinem Ziel der Revolution. So hat der sozial Misshandelte zwei Hauptfeinde: den mitleidlosen Kapitalisten und den mitleidigen Revolutionär, die am gleichen Strang ziehen. Der Kapitalist könnte seine wirtschaftliche Potenz und seine intellektuellen Fähigkeiten zur Evolution des Staates und zur Verbesserung konkreter Lebensumstände einsetzen, er tut es aber absichtlich nicht. Der Revolutionär könnte sein soziales Sensorium und seine intellektuellen Fähigkeiten zur Evolution des Staates und zur Verbesserung konkreter Lebensumstände einsetzen, er tut es aber absichtlich nicht. Solange Menschen bereit sind, eigene Interessen zum Schaden anderer durchzusetzen - das ist was ich als Gewalt bezeichne - ist eine soziale Entwicklung gefordert. Das Mittel zur sozialen Entwicklung kann nur die Erhöhung von Transparenz und gemeinschaftlicher Kultur sein. Dort hat das Wiki seine zentrale Aufgabe.

Micha

Um wieder etwas b2t zu kommen: Aus dem von mir geschriebenen ergeben sich m.E. zwei Zwischenresultate bezüglich "freier Kooperationen".

1.) Im Gegensatz zu Spehr würde ich - was immer noch eine grobe Teilung sein mag - in den momentanen Verhältnissen zwischen Wirtschafts- und Freizeitskooperationen trennen. Letztere sind m.E. so lange sie nicht verpflichtend sind, immer freie Kooperationen. Leute, die ein 'Hobby' teilen, schließen sich in ihnen zwecks Ausübung seiner freiwillig zusammen. Darunter fallen sowohl Skatvereine als auch die von Tim angesprochenen Selbstorganisierten Seminare (SOS). Allerdings stehen sie nicht irgendwie außerhalb des Kapitalismus oder gar im Gegensatz zu ihm, weil sie als 'Freizeitbereich' in Zeit, Ressourcen etc. beschränkt sind und weil sie zur Erhohlung dienen, also in derlei Freizeitaktivitäten die zu verkaufende Arbeitskraft wieder hergestellt wird. Anders als ein Skatverein können SOS jedoch insofern etwas zur Überwindung des Kapitalismus beitragen, in dem sie Wissen über ihn und die Möglichkeit seiner Überwindung vermitteln und/oder sich erarbeiten. Das liegt dann aber an ihrem Inhalt und nicht an ihrer Form als freie Kooperation in der Freizeit.

2.) Ganz anders in der Ökonomie. Auch hier erfolgt der Kontrakt zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft zwar ohne direkt sichtbaren Zwang - aber hinter ihm steht "der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse" (Marx), d.h. nur mit Geld kann man selbst die elementarsten Bedürfnisse befriedigen und an Geld kommt man nur, indem man die eigene Arbeitskraft verkauft. Spehrs Theorie läuft darauf hinaus, diesen "stummen Zwang" nur abmildern, z.B. durch die Einführung eines Existenzgeldes. Für wirklich freie Kooperationen gelte es diesen Zwang (logischer Weise) jedoch abzuschaffen. Mehr noch: Indem der Kapitalist die Arbeitskraft der Arbeiterin gekauft hat, kann er sie dazu benutzen und benutzt er sie dazu, sie Dinge herstellen zu lassen, die er auf dem Markt verkaufen möchte, um damit Profit zu machen. Da die Arbeiterin ihre Arbeitskraft verkauft hat, hat sie keinen Einfluss darauf, was mit ihr produziert wird. Von "freier Kooperation" lässt sich also auch deswegen hier schon kaum sprechen. Diese würde vielmehr zur Voraussetzung haben, dass die Produktionsmittel gesellschaftliches Eigentum sind und die Leute sie - nach gemeinsamer und bewusster Planung - zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benutzen (können).

Micha

Kann mir auch nicht vorstellen, welche sozialen Entwicklungen innerhalb des Kapitalismus es geben sollte, die zum Überwinden der von Micha aufgeführten Probleme führen. Deren gibt es spätestens seit 1968 genug. Transparenz mag Kritik erleichtern, ändert aber nichts an den realen Verhältnissen die nunmal auf Produktionsmittel, Vermögen, Posten und Beziehungen basieren. Und eine gemeinschaftliche Kultur, Helmut, was verstehst Du darunter? Wie soll daraus freie Kooperation entstehen? Mir klingt das eher nach Zusammenhalten und auf die "nationalen Werte" besinnen. Wer definiert Kultur, wenn nicht die Eigentümer der Medienkonzerne und die Auftraggeber der nationalen und internationalen Kulturinstitute?

Die Betrachtung von Wirtschafts- und Freizeitkooperationen find' ich schon ganz gut. Dass Du (Micha) Freizeitkooperationen nun doch als freie Kooperationen (solange sie nicht verpflichtend sind) deklarierst, steht im Widerspruch dazu, dass es freie Kooperation erst nach der Revolution geben könne. Meines Erachtens kann es auch im wirtschaftlichen Bereich freie Kooperationen geben, zum Beispiel unverbindliche Preisabsprachen zwischen eigentlich konkurrierenden Unternehmen - kein glorreiches Beispiel, aber es zeigt dass der Kontext den Begriff der freien Kooperation nicht wirklich festmachen kann.

Vielleicht können wir erstmal festhalten, dass freie Kooperation nicht verpflichtend ist, also auf freiwilliger Teilnahme beruht, und dass sie der gemeinsamen Befriedigung von Bedürfnissen dient, nicht dem Profit auf Kosten anderer Menschen und der Umwelt.

Interessant vielleicht die Perspektiven möglicher Kooperationspartner: Kooperationen zwischen Menschen innerhalb einer Gruppe, zwischen Menschen verschiedener Gruppen und in verschiedenen Zeitebenen (also auch kooperativ gegenüber zukünftigen Generationen). Als Gruppe seh ich dabei mal den Zusammenschluss von Menschen für eine bestimmte Zusammenarbeit, der natürlich mit ähnlichen Gruppen in anderen Orten in Kontakt stehen kann oder die eigene Arbeit für zukünftige Projekte dokumentiert.

Den Aspekt der (Nicht-)Profitorientiertheit würd' ich dem "Austausch" und der Kritik daran in diesem Zusammenhang bevorzugen. Austausch kann für mich auch der Austausch von Meinungen, Wissen, Erfahrungen sein, und natürlich arbeitet jemand auch nur dann langfristig an etwas mit, wenn er / sie sich davon erhofft irgendwann auch mal etwas zurück zu bekommen (Bedürfnisbefriedigung gemeinsam mit den anderen). Das ist für mich völlig legitim, Kooperation lebt davon - sie lebt aber auch davon, dass Menschen in Projekte oder gemeinsame Arbeiten investieren ohne nach einer irgendwie abrechenbaren Gegenleistung zu verlangen - genau hier liegt für mich der Punkt, wo viele Menschen im heutigen System stutzig werden, wenn sie mit "kooperativen Projekten" in Berührung kommen.

TiM

Hmmm.

Kann ich folgendermaßen zusammenfassen ?:

Reproduktion unter kapitalistischen Bedingungen impliziert immer den Kampf der Beteiligten gegeneinander "Fair" bedeutet "gerecht", d.h. dem Recht entsprechend. Im günstigsten Fall ist Reproduktion unter kapitalistischen Bedingungen ein durch das Recht geregelter Kampf der Beteiligten. Moralische Apelle können nur versuchen, diesen Fall herzustellen ( andernfalls wird halt unter Umgehung des Rechts gekämpft).

Dies beschreibt auch meine Wahrnehmung. Ich plädiere für die Auslagerung der betreffenden Textteile auf eine eigene Seite.

(ab hier in Arbeit ...)

Gleicher als Andere gewann ja einen Preis auf die Frage "Unter welchen Bedingungen sind soziale Gleichheit und politische Freiheit vereinbar?", beides moralische Forderungen.

Ich verstehe nicht, warum Micha die Spehrsche Theorie (oder besser Wortdefinition) als Theorie des gerechten Tauschs versteht. Ich habe den Spehrschen Text anders wahrgenommen (ist auch schon eine Weile her, ich sollte mal wieder nachlesen), nämlich gerade als Kritik von Moral (laut KEW abstammend "von die Sitten betreffend, ethisch").

In der Einleitung (Die drei Bären) beschreibt er, wie durch moralischen Anspruch nach Gleichheit und Gerechtigkeit Macht in einer sozialen Kooperation (der Bärenfamilie) legitimiert wird. Das subjektive Wollen des einzelnen im Kampf gegen die objektiv legitimierte Macht einer Gesellschafts-Zelle. Insofern als Subjekt-Knoten-Theorie schon mal mir sympathischer als eine Subjekt-Alles-Theorie (Mensch im Staat), wobei mir eine Subjekt-Subjekt Theorie wie die Psychologie noch lieber ist.

Spehr definiert nun Freiheit als die Möglichkeit sich in diesem Netz der Gesellschafts-Zellen zu bewegen, Alternativen zu haben.

Noch zu Tim: ich kann mir schon Entwicklungen im Kapitalismus vorstellen, FreieSoftware ist zum Beispiel eine innerhalb des Kapitalismus. Aber langsam wird diese Seite zu voll, um all diese Themen zu besprechen. Können wir bitte aufteilen ?

Micha

Spehr setzt Freiheit und Gleichheit gleich , nämlich als Zustand Freier Kooperation und definiert, was er darunter verstanden haben will. Ich verstehe nicht, warum Du schreibst "die Kooperation (den Tausch)". Kooperation scheint mir wirklich als Zusammenarbeit oder sozialer Bezugsrahmen gedacht. Das Verhandeln habe ich als das Bereden der Kooperationsbedingungen verstanden. Mit "gerechten Scheidungspreis" ist kein abstrakter Tauschwert gemeint, sondern alle bei einer Trennung auftretenden Folgen. Also nochmal meine Lesart: Kooperationen müssen verhandelbar sein und es müssen Alternativen vorhanden sein, die einen Weggang erst möglich machen, um "frei" genannt zu werden. Siehe zum Beispiel die Familie als Kooperation. Das Neugeborene kann diese nur durch die Wahl des Todes verlassen (dies passiert laut Arno Gruen auch). Ob zum Beispiel das gemeinsame Essen mit dem Kind eine freie Kooperation ist, entscheidet sich daran, ob das Kind auch ohne dies zur Nahrung kommt. Im Pesta ist es zum Beispiel so, dass über die ganze Öffnungszeit der Einrichtung ein Buffet für die Kinder gedeckt ist. Diese können sich dann entscheiden, ob sie in einer Gruppe mit anderen Kindern essen, für sich alleine, sehr langsam, oder erst später, oder gar nicht. Mit Außnahme der Rappelkiste habe ich in hiesigen Einrichtungen die Erfahrung gemacht, dass ein morgendliches gemeinsames Frühstück erzwungen wird, indem es halt sonst nichts gibt, oder aber, indem das Essen zu anderen Zeiten mit Auflagen belegt ist (Erzieher fragen). Das hat weitere Konsequenzen: zum Beispiel einen Gruppenzwang zum pünktlichen Ankommen (da ja ansonsten die versammelt frühstückende Gruppe den Spätankömmling goutieren kann, der meist nichts dafür kann, weil seine Eltern es nicht auf die Reihe bekommen haben, sich früh genug auf die Reise zu machen). Wird so ein wenig deutlich, was ich meine ?

Was du schreibst, dürfte in etwa das widergeben, was Spehr schreibt. Ich habe hingegen versucht, Spehrs Gedanken auf ihre Implikationen und Konsequenzen zu durchleuchten. Daher bin ich auch immer noch der Meinung, dass sein Konzept auf Tausch beruht. Kooperation basiert bei ihm auf Leistung gegen Leistung - sonst hätte es keinen Sinn, zu fordern, dass die Leistung zum Zwecke des Verhandelns eingeschränkt können werden solle. Was aber ist Leistung gegen Leistung, wenn nicht Tausch? --Micha


Stimmt Micha, hatte ich übersehen. Dann lass uns doch weiter differenzieren: es gibt freiwillige Kooperation, also Zusammenarbeit die nicht durch Sanktionen, Auflagen, äußere Zwänge und mangelnde Alternativen herbeigeführt wird. Dies kann durchaus auch eine reine Tauschbeziehung sein. Dann gibt es solidarische Kooperation, die nicht auf Tausch oder Profit aus ist, sich in der Regel auch außen hin öffnet (Zusammenarbeit mit und Unterstützung von anderen Gruppen) und unter Rücksicht auf alle Beteiligten, unbeteiligte Dritte sowie auf die Umwelt der gemeinsamen Befriedigung von Bedürfnissen dient. Solidarische Kooperationen dürften in der Regel auch freiwillig sein, es sind jedoch Situationen vorstellbar, in der sie nicht freiwillig sind (z. B. wenn die Erfüllung elementarer Bedürfnisse akut von außen bedroht ist). Freie Kooperationen schließlich könnten als lediglich freiwillig oder als freiwillig und solidarisch definiert werden. Frei von Zwang, Auflagen, Not und Egoismus und Profitgier wäre die Interpretation für letzteres. Erst eine solche Kooperation kann sich voll entfalten, weil sie nicht nur auf freiwilliger Basis abläuft, sondern darüber hinaus nicht den begrenzenden Regeln des Kapitals unterliegt.

Thomas, FreieSoftware ist ein gutes Beispiel. Ihre Entwicklung ist freiwillig, ihre Ergebnisse können von allen verwendet werden (solidarisch). Vielleicht offenbart sich bei o. g. Definition noch eine Schwäche, wenn argumentiert wird: FreieSoftware ist ja zur Bedürfnisbefriedigung unmittelbar notwendig, weil es heutzutage ohne Computer gar nicht mehr geht. Aber auf einzelne Entwicklungsprojekte bezogen trifft das nicht zu, so gibt es allein von Linux unzählige Varianten, also durchaus Alternativen an Kooperationen, die zur Auswahl stehen um das Bedürfnis "leichtere Kommunikation, Verwaltung von Information etc. (mit Hilfe von Computern)" zu befriedigen; es könnten sich sogar jederzeit neue Programmierer zusammentun und neue Alternativen schaffen.

FreieSoftware ist auch eine soziale Entwicklung, die dazu beitragen kann, den Kapitalismus zu überwinden: durch das Schaffen von frei verfügbaren, frei änderbaren Alternativen, die profitorientierte Konzerne auf längere Sicht (zumindest in Bezug auf Software) überflüssig machen können. Genau das ist aber ein Stück Revolution! Denken wir nur an Ghandi.... die Verweigerung unfreiwilliger, unsolidarischer Kooperation durch das Schaffen von freiwilligen, solidarischen Alternativen.

Bei letzterem wird übrigens auch deutlich, warum es freie Kooperation schon "vor" der Revolution geben können muss: weil ein Umsturz der sozialen Ordnung und gesellschaftlichen Verhältnisse in einer Weise, der zu einer "freien Gesellschaft" führt, ohne die volle, unabhängige Entfaltung von Kooperation in möglichst vielen Teilbereichen gar nicht erreicht werden kann.

Tim