Vom Gelde befreit

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Vom Gelde befreit

In Argentinien ist eine Art anarchosyndikalistisches Wirtschaftssystem eingeführt worden. Dafür gesorgt hat - na, wer wohl? - der Kapitalismus

Von Richard Herzinger

Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und im Zeichen der Globalisierung scheint der Kapitalismus allmächtig geworden zu sein. Jetzt besorgt er sogar schon seine eigene Abschaffung. Nehmen wir Argentinien: Seitdem dort die Wirtschaft kollabiert ist und die Bankguthaben der Bürger eingefroren wurden, ist die Geldzirkulation weitgehend zum Erliegen gekommen. Nicht nur für die Unterschichten, sondern auch für weite Teile des Mittelstandes ist die Geldwirtschaft nur noch eine nostalgische Erinnerung. Die Argentinier müssen also wohl oder übel zu anderen Zahlungsformen übergehen. Überall im Land entstehen, wie die Neue Zürcher Zeitung kürzlich berichtete, Tauschmärkte und Tauschnetzwerke. Dort kann man sich mit allen Gütern versorgen, die fürs tägliche Überleben - und mehr - unerlässlich sind. Vom Gemüsehändler bis zum Arzt reicht die Skala der Anbieter, die den Netzwerken angeschlossen sind. Ein einfaches System von Tauschgutscheinen ersetzt den wertlos gewordenen Peso und den vor kurzem noch angebeteten Dollar.

Das heißt nun nicht, dass Argentinien ins Zeitalter primitiver Naturalienwirtschaft zurückgestürzt wäre. Vielmehr verwirklicht sich dort unversehens eine alte sozialrevolutionäre Utopie. Die argentinische Tauschwirtschaft ähnelt verblüffend den - nicht zuletzt von den Marxisten - vielfach verspotteten anarchistischen Wirtschaftstheorien, wie sie etwa der deutsche Nationalökonom Silvio Gesell Anfang des 20. Jahrhunderts propagiert hat. Dessen Vorstellung von einer ausbeutungsfreien Ökonomie gründete auf dem Gedanken eines nicht verzinsbaren "Freigelds". Gesell hatte lange Zeit in Argentinien gelebt, ehe er 1919 zum Volksbeauftragten für das Finanzwesen der kurzlebigen, anarchisch versponnenen Bayerischen Räterepublik ausgerufen wurde. Eine egalitäre Tauschwirtschaft herrschte auch während der kurzen Periode des spanischen Bürgerkriegs, in der, unmittelbar nach der Erhebung Francos gegen die Republik 1936, die Anarchosyndikalisten in Katalonien das Sagen hatten. Aber auch Che Guevara träumte als Chef der Nationalbank auf Kuba von der Abschaffung des Geldes.

Was der sozialistischen Revolution gründlich misslang, vollbrachte jetzt die kapitalistische Regression: Der Vision von einem geldlosen Wirtschaften eine Massenbasis zu verschaffen. Die Initiatoren der argentinischen Tauschnetze visionieren, berauscht von ihrem Erfolg, nunmehr schon die globale Ausweitung ihres Modells. Doch auch diesmal wird die geldfreie Zeit wohl nur eine Übergangsperiode bleiben. Immerhin, wir lernen: Im scheinbar "stahlharten Gehäuse" (Max Weber) des globalen Kapitalismus ist grundsätzlich alles möglich - auch, dass einst verlachte und vermeintlich längst vergessene Ideen urplötzlich brennende Aktualität gewinnen.


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