Jugendumweltkongress 2005/06

Version 9, 217.247.184.196 am 11.3.2006 12:11

Internetseite aus dem JUKss-Spektrum selbst


Debatte 1:

Ausgrenzung von oder Intervention gegen Universelles Leben?

Auszüge aus http://www.peryton.de/blog/?p=345:

Aus dem ersten Beitrag: "ich erfuhr gestern von einer art ‘ul-einsteige-seminar’ auf dem ‘jukss’. es macht mich wütend, weil und dass es denen überhaupt gelingen konnte, dort ihr verlogenes zu wort zu erheben. ihr habt gelost, ihr nachwuchslinken! ihr habt versagt, die chance vertan, die neuen grenzen dort zu setzen, wo sie gesetzt sein müssen." Entgegnung auf diese Formulierung: "dazu würde ich mal ganz polemisch einsteigen: wenn es um das jeweilige lieblingsthema geht - wahlweise Nazis, Sexismus oder UL - werden selbst herrschaftskritische geister zu anhängern autoritärer umgangsformen." Antwort darauf einer dritten Person: "Nein, ich finde nicht, dass es etwas mit Herrschaftsfreiheit zu tun hat, anderen Menschen die Anwesenheit von Arschlöchern zuzumuten. Wohin dieses "Offene Räume”-Gespinne führt, haben wir vielfach gesehen: in Marburg, wo aus dem besetzten Haus nach 1,5 Jahren "offenem Konzept” alle emanzipatorischen Menschen wegen völliger Erschöpfung ausgezogen sind und das Haus den Spinnern, Esoterikern, Autoritären und anderen Wixern überlassen haben, gegen die sie immer weniger angekommen waren; in Pingutopia in Köln, wo sich die Gruppe ausserstande sah, einen gewalttätigen Sexisten und Homophoben vom Gelände zu werfen, obwohl sich einige massiv bedroht fühlten und danach die Hälfte der Gruppe auszog; das sind nur zwei illustrierende Beispiele. Ja, ich bin für Herrschaftsfreiheit, aber es gibt Grenzen, und das sind die der persönlichen Bedürfnisse und Boundaries - ein Wort das viel angenehmer ist als Grenze, die immer nach Stacheldraht klingt. ... Herrschaftsfreiheit ist doch was anderes als "wir können (und müssen) doch über alles reden”. Wo sind wir denn? Bei den Hippies? ... wie KANN es in dieser Welt, deren Produkte wir alle sind, wirkliche Herrschaftsfreiheit geben? Kann es nicht. Wir können nur Bedürfnisse aushandeln, wofür Verhältnisse nötig sind, in denen alle sich trauen, diese Bedürfnisse zu sagen. Und ein offener Raum, in dem willkürlich alle möglichen Leute sich bewegen können ist das nicht, denn ein offener Raum, in dem alle sein dürfen ist ganz schnell nichts als ein Spiegelbild der Normalgesellschaft und schlimmer: Macker, Sexisten, Antisemiten, Machtstrategen, Populisten, Rassisten, Faschisten, Religionsfanatiker und andere können sich breit machen, denn für sie sind Dominanz, Unterdrückung und eine miese Stimmung kein Problem, sondern gehören zum Geschäft. Und die Linke ist meist zu lieb um solchen Leuten die Tür zu weisen (oder ihnen wenigstens einen Raum zuzuteilen, in dem sie mit geneigten Diskussionspartnern die Absurdität ihres Denkens vorgeführt bekommen)." Weitere Person stimmt dem zu und fügt an: "meine Erachtens gibt’s keine bessere Lösung als eben »Grenzen der Offenheit« zu definieren." Weiterer Beitrag: "für mich ist offenheit genau etwas, was ich offensiv verteidigen will gegen diskriminierendes verhalten und damit verbundene weltanschauungen – dabei sind direkte intervention und aktion inbegriffen."


Debatte 2

Wie ein diskriminierungsfreier Raum entstehen könnte ...

Ein paar Gedanken zur Offenheit des Jukss

Konkreter Anlass für diesen Text sind die aktuell tobenden Debatten um Offenheit und Umgang mit dismriminierenden Verhaltens- und Denkweisen auf dem Jukss, zu der mir ein paar Sachen im Kopf herum schweben...

Sehr seltsam finde ich, dass Ausgrenzungs-Diskussionen fast immer erst bei den Spitzen des Eisbergs anfangen - also z.B. bei Vergewaltigungen oder konkreten Übergriffen. Dann geht es um Rauswürfe oder Beschlüsse - Einzelakte, die über das Fehlen von antisexistischer Handlungsfähigkeit hinweg täuschen. Und dann geht alles irgendwie weiter. Diese Fixierung ist meines Erachtens ein Armutszeugnis für eine Szene, die sich als herrschaftskritisch begreift. Weil sie verhindert, dass darüber nachgedacht wird, was eigentlich Schritte sein könnten, um den Eisberg abzusägen. Und neben dem Nachdenken auch einen Prozess in Gang zu setzen, um diskriminierungsfreie Räume aufzubauen.

In dem Moment, wo Ausgrenzung fest "installiert" wird entsteht eine nicht mehr aufhebbare Schieflage: Das Wissen, im Zweifel zu diesem Mittel greifen zu können stärkt den Hang, gar nicht über andere Wege nachzudenken.

Sehr seltsam finde ich auch, dass es scheinbar mehr darum geht, Personen auszuschließen. Für mich ist die entscheidende Frage eher: Wie können autoritäre Denk- und Verhaltensweisen zurück gedrängt werden - wie können Rahmenbedingungen hergestellt werden, unter denen Diskriminierung zurück gedrängt wird und der Umgang mit Diskriminierung tatsächlich zu Lernprozessen führt.

Sexistische Übergriffe entstehen nur selten aus dem Nichts. Fast immer haben sie ein "Vorspiel" mit "niedrigschwelligen" Grenzüberschreitungen (z.B. unerwünschte Anmache). Viele dieser Situationen - insbesondere auf Kongressen oder Camps - sind öffentlich. Das Umfeld schaut weg. Die fehlende allgemeine Aufmerksamkeit und konkrete Sensibilität für Diskrimierung machen diese Grenzüberschreitungen möglich. Dort, wo Menschen spürbar aufeinander achten und auch niedrigschwellige Grenzüberschreitungen nicht hingenommen werden, könnte tatsächlich eine Atmossphäre entstehen, in der Diskriminierung zwar nicht unmöglich, aber deutlich unwahrscheinlicher wird. Eine Atmosphäre herzustellen, die von Sensibilität für Herrschaftsdurchgriffe und gegenseitiger Aufmerksamkeit geprägt ist ... das ist natürlich viel komplexer als ab und zu sexistische Individuen zu entfernen.

Ein diskriminierungsfreier Raum ist nur denkbar als ständiger, aktiver Prozess. Er setzt viel bei den beteiligten Menschen voraus:

Um solche Prozesse zu unterstützen ist alles wichtig, was unsere Wahrnehmung für Diskriminierung schärft (Workshops zu Sexismus, Dominanzverhalten usw.) und die einzelnen "ermächtigt", die entsprechende Handlungsfähigkeit aufzubringen (Trainings zu direkter Intervention usw.)

Direkte Intervention meint dabei das direkte Eingreifen bei Diskriminierung aller Art ohne Meta-Struktur über den jeweils Handelnden, d.h. die AkteurInnen agieren autonom und nicht als Vertreter eines (per Plenumsbeschluss) konstruierten "wir". Wichtig ist dabei der Kommunikationsaspekt, d.h. dass die Handlung darauf abzielt, Denkprozesse anzustossen. Die konkreten Formen des Eingreifens umfassen für mich vieles - vom verbalen Eingreifen bis hin zu militanten Formen bei besonders krass empfundenen oder wiederholten Grenzverletzungen. Völlig verständlich finde ich, wenn eine Person nach einer Vergewaltigung zum Gehen aufgefordert wird, weil Kommunikation nicht ausreicht, um eine angstfreie Atmossphäre für die betroffene Person zu gewähleisten. Was ich nicht will ist eine strukturelle Verankerung von Ausgrenzung, welche statt eines diskriminierungsfreien Raums einen solchen aufbaut, indem die gesellschaftliche Normalität reproduziert wird (Durchsetzung von Regeln durch eine Meta-Struktur, Ein- und Ausschlüsse).

Autor: espi, piratenutopie (ätt) web.de


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Donnerstag, 12. Januar 2006

Auf dieser Seite werden Texte zur Debatte um Offene Räume gesammelt.