Zentralreduktion

Version 23, 85.178.127.6 am 12.11.2006 22:50

Ein Begriff aus der Systemtheorie, häufig ein Fehler in systemanalytischem Denken. In komplexen Zusammenhängen mit vielen Ursachen und Wirkungen wird ein Faktor als einzig wesentlich oder entscheidend herausgegriffen und darauf das Handeln oder Denken aufgebaut.

Beispiel Krebserkrankung: Krebs kann viele Ursachen haben. Trotzdem ist es für viele Menschen attraktiv, sich zur Erklärung und Therapie auf eine einzige, einfach verständliche Ursache ("seelisch", "Ernährung") festzulegen. Psychologisch ist das verständlich, weil "ich habe das Problem verstanden und einen Weg zur Lösung" es eine Perspektive schafft, auch wenn das Rezept nicht wirkt. Systemanalytisch ist jedoch eine solche Vereinfachung keine erfolgversprechende Form mit dem Problem Krebs umzugehen.

Beispiel Gesellschaftskritik: Ungerechtigkeit kann viele Ursachen haben. Trotzdem ist es für viele Menschen attraktiv, eine Zentralursache z. B. den Kapitalismus festzumachen. Man hat den Feind ausgemacht, kann sich von dem problem lossprechen und sich relativ dazu positionieren. Möglicherweise wäre das bei einer alternativen Ursachen wie "menschlicher Egoismus" oder "menschliches Versagen" viel schwieriger, weil man dann nicht aus der Schusslinie ist und in seiner Urteilskraft gefordert wäre.

Beispiel Konstruktivismus: Dass unsere Vorstellungen von der Welt mehr oder weniger subjektive und objekte Elemente enthalten ist fast trivial. So richtig gut verkaufen lässt sich das erst mit einem "Alles ist Konstruktion", einer Zentralreduktion.

Beispiel Vererbung: So lange man nicht viel über Vererbung wusste, lagen sich die Gegner im Sinne eines zentralreduktionistischen "Alles ist vererbt" und "Alles ist Umwelteinfluss" in den Haaren. Mit der Konsequenz, dass damit enorme weltanschauliche Konstruktionen verbunden sind. Ein heutiger Erkenntnisstand, dass grob gesagt ca. 80% vererbt, 20% erworben ist, passt niemandem so richtig.

Das Denken in Ursachen ist selbst problematisch: Jede denkbare Ursache hat doch wiederum mehrere. Das Denken in Ursachen ergibt somit eine Rekursion ins Unendliche. Letztlich kann ich mir Dinge nur plausibel machen, mich daran gewöhnen. Ursachen an sich gibt es wohl nicht.

Kapitalismus benutze ich als Namen für den Komplex der dominanten Bewegungsform von Herrschaft heutzutage. Zumindestens ich sehe darin keine Ursache von irgendwas.

Ungerechtigkeit ist für mich auch nicht das Problem. Das setzt ja ein "ideales Recht" als die wünschenswerte Utopie. Wenn aber die Organisationsform von Menschen durch Recht reglementiert werden soll, erscheint mir das sehr unwünschenswerter, als eine durch Empathie und Sprache bestimmte Organisationsform.

Siehe dazu die FreieSoftware und die in kapitalistischer Produktion entstehende Software als Beispiele für eine durch Sprache und eine durch Recht organisierte Produktionsweise. In der durch Sprache organisierten Produktionsweise ergeben sich mehr oder weniger so viele verschiedene Arbeitsformen wie es Projekte gibt. Die Produkte sind transparent, Projekte kooperieren mit Nutzern und anderen Projekten. Aus den gescheiterten Versuchen von Vorreitern können Nachfolgende lernen usw usw.

Wie sieht es in der Verrechteten Produktionsweise dazu aus ? Jedes Geheimnis schafft einen Vorsprung vor den Anderen. Kommunikation gefährdet Hierarchiestrukturen. Vieles wird parallel gemacht, die schnellsten sind vielleicht die Sieger, anderes parallel erarbeitetes ist rein für die Mülltonne produziert. Um nicht für die Mülltonne zu produzieren muss das Tempo der Entwicklung schneller sein als das der anderen. uws. usw.

Ich bin kein Anhänger vereinfachenden Ursache-Wirkungs-Denkens, aber ich kann dir beim unendlichen Rekursion von Ursachen nicht folgen. Normalerweise ist das schnell, nach 1-3 Stufen zu Ende.

Mach mal ein Beispiel. Schreib mir mal die Gründe auf, warum du heute diesen Text hier schreibst. Dazu gehört doch auch die Frage, warum es dich gibt. Warum hat also Deine Mutter Deinen Vater getroffen ? Und warum deren Eltern, und deren Eltern ? Und warum gibt es überhaupt Menschen ?

Um mit dem Begründen aufhören zu können, muss ein hinreichend abgeschlossenes "System" gedacht werden, das nicht hinterfragt wird. Aber warum sollen wir dies nicht hinterfragen ?

Der Baum der Erkenntnis ist (IMHO) der Versuch einr nicht gerichteten/ nicht hierarchischen Erkenntnistheorie. Das Problem der Rekursion und Selbstbezüglichkeit der Gängigen hat sie als Wesensmerkmal.

Mir scheint auch, dass Christopher Alexander mit seiner Ablehnung mechanistichen Denkens in ähnlicher Richtung geht.

"Warum?" ist eine umfassendere Fragestellung als "Ursache". Die Ursache ist Teil eines Modells (Stein fällt wegen Gravitation). Dein "Warum?" heißt "wie ist es historisch dazu gekommen" oder "wie erklärst du deine Motivation diese Seite zu schreiben?". Ein anderes "Warum?" könnte heißen "Was ist der innere Sinn?".

Herrschaft hat vermutlich die Ursachen (1) strukturelle Notwendigkeit von zentralisierten Entscheidungskompetenzen (2) Egoistische Machtergreifung weil sich daraus materielle oder soziale Vorteile ergeben.

Wie das mit Christopher Alexander zusammenhängt, weiß ich nicht. Das wäre interessant, zu untersuchen. Er lehnt ja Technik und Wissenschaftlichkeit nicht ab, sucht sogar nach einer Mathematik um seine "Ganzheit" oder "Lebendigkeit" zu beschreiben. Aber zunächst sieht er nur die Möglichkeit eines Prozesses und reversibler Schritte. Also eventuell: jemand soll nur Macht bekommen, wenn der Schritt reversibel ist. Eventuell: Macht soll nur von den unmittelbar Betroffenen übertragen werden (Lehrer, Eltern und Schüler wählen ihren Direktor - nicht die Schulbehörde).

uwe:

"Stein fällt wegen Gravitation" ist die KeimForm zwei unterschiedenen Sachen eine dritte (quasivirtuelle) "gemeinsame" Voranstellen zu wollen. Das wäre allerdings nicht nur nicht nötig, sondern es dient zur Verschleierung, da es keine Ur sache gibt, sondern nur das Ursachtende in der Sächlichkeit an sich - jedoch "für wen" und das ist die Frage und deren Antwort nach Identität. Die können wir uns gestellt sein lassen oder mit der Suchmaschine beantworten wollen... reduziert bleiben wir auf edukation und re(d)aktion