Leben im Falschen - Kritik des Ganzen.
Leben im Falschen – Kritik des Ganzen
Über Möglichkeiten von "Lebenskunst" in der Warengesellschaft
Martin Dornis, freier Autor, Leipzig
Solange die Bedingungen fortbestehen, die zu Auschwitz, zum größten Grauen der Menschheitsgeschichte beitrugen, muss ständig von der Gefahr eines Rückfalls in derartige Zustände ausgegangen werden. Die kapitalistische Gesellschaft offenbarte hier, dass sie Bedingungen erzeugen kann, unter denen Menschen bis zur äußersten Konsequenz des systematischen Massenmords aufgrund antisemi-tischer Überzeugung gehen.
Trotz ökonomischer und ökologischer Katastrophen ist durch deren zunehmend regressivere ideolo-gische Verarbeitung eine kritische Theorie der Gesellschaft, also die Formulierung einer theoretischen Kritik für die Überwindung der Warengesellschaft, als auch die Perspektive einer diese Gesellschaft überwindenden Praxis verstellt. Wir leben in einem umfassenden, totalen "Verblendungszusammen-hang". Jedoch sind wir nicht von Gesetzen, die ausschließlich über unsere Köpfe hinweg abrollen, streng determiniert. Das Individuum muss und kann daher als einzigartiges und unverwechselbares Wesen in einem in sich gebrochenen falschen Ganzen begriffen werden.
Adorno formuliert in den Minima Moralia: "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen." – Das heißt, es kann solange für einzelne Menschen kein richtiges, gutes und gelungenes Leben geben, solange die Gesellschaft als solche falsch, solange sie nicht im Interesse der Befriedigung menschlicher Bedürfnis-se und der Erhaltung ihrer ökologischen Lebensgrundlagen funktioniert. Nötig ist daher heute eine autonome gesellschaftliche Praxis, die Aneignung der Gesellschaft durch frei assoziierte Individuen, die Herstellung eines "Vereins freier Individuen" durch eine umfassende "Gegenvergesellschaftung". Adorno plädiert besonders in seinen pädagogischen Schriften und Gesprächen für eine Wendung aufs Subjekt. Ziel soll einer Erziehung zum mündigen, kritisch reflektierenden Individuum sein. "Die Konkretisierung der Mündigkeit besteht darin, dass die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinwirken, dass die Erziehung eine zum Widerspruch und zum Widerstand ist" (Erziehung zur Mündigkeit). Da umwälzende Praxis heute verstellt sei, habe einzig ein Ansatz am mündigen Individuum noch Aussicht auf Erfolg, um die Wiederkehr von Auschwitz durchs Drängen auf Erinnerung daran zu verhindern.
Wenn es schon kein richtiges Leben im Falschen geben kann, so doch immerhin ein "stellvertreten-des." Adorno fragte sich, ob es nicht möglich sei, in den engsten Beziehungen der Menschen so etwas wie Modelle eines richtigen Lebens zu erstellen. Dort müsse man so leben, "wie man dem eigenen Erfahrungsbereich nach sich vorstellen könnte, dass das Leben von befreiten, friedlichen und mitein-ander solidarischen Menschen beschaffen sein müsste". Allerdings muss davon ausgegangen werden, dass sich die Spielräume für derartiges Agieren unter verschärfendem Krisendruck heute immer wei-ter verringern. Daher gilt freilich: "Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft" (Minima Moralia).
In meinem Beitrag soll vor dem Hintergrund der kritischen Gesellschaftstheorie Adornos und der Wert-, Abspaltungs- und Krisentheorie der Gruppe "Exit!" die Gratwanderung zwischen Resignation und Nichtstun, solange nicht das "große Ganze" verändert ist, auf der einen Seite, und dem Sich-Einrichten, dem Ausspinnen kleiner Utopien in gesellschaftlichen Nischen – welches heute ohnehin immer prekärer wird – thematisiert und als falscher Gegensatz kritisiert werden. (M. Dornis)
Wir haben den Inhalt für die Veranstaltung in Jena noch spezifiziert und später lautete der Einleitungstext:
Die Herrschaft in uns
mit den Thesen
IdeologieKritik
Diskussionen
als adorno starb, sagten seine studenten: "er hat sich zu tode adorniert" . geändert hat sich durch die frankfurter schule jedenfalls gar nichts . und solange es noch leben gibt, kann an der gesellschaft auch nicht alles falsch sein .
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Hm, aber viele Leben enden täglich, obwohl es nicht notwendig wäre! Jedes dieser ungelebten Leben klagt diese Gesellschaft an. Übrigens auch jene Stückchen Leben, die uns selbst unmöglich gemacht werden, deren Möglichkeit viele von uns längst vergessen, verleugnet, verdrängt haben...(A.S.)
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wen wollen wir dafür verantwortlich machen, wenn nicht uns selbst? es gibt doch die mittel, das zu ändern und wir sind hier doch gerade dabei, sie zu entwickeln . wenn eine gesellschaft ihre kinder nicht mehr unbeschädigt groß kriegt, geht sie in der tat innerhalb weniger generationen zu grunde . wenn das heute so ist, global so ist, und ich denke mal, wir sind uns einig, dass es so ist, dann müssen wir, um dem welt-untergang zu entgehen, eine neue welt schaffen, einen in sich abgeschlossenen autarken kreislauf, eine art arche noah . -s- (adorno sagt für mich nur: "ich kann nichts dafür, dass ich kein richtiges leben führe, wir leben alle falsch ". das als akademischen produktion zu verkaufen, ist schon ganz schön frech .)
im wiki jedenfalls sollte es möglich sein, den falschen gegensatz zwischen theorie und praxis zu überwinden . wofür schreiben wir hier sonst?
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ich nehme mal an, das ist hier garnicht von martin dornis reingesetzt worden, sondern von annette . richtig?
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Warum ist das wichtig? Dies hier war aber tatsächlich Martin - der kann das auch selber ;-)
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ich glaube, ich habe deshalb gefragt, weil er die gleiche ip-adresse hatte, wie du . ich zum beispiel habe meist 84.144.x.x, thomas 84.191.x.x, karl 84.157.x.x, uwe 62.206.x.x und du und martin eben beide 84.184.x.x .
interessanter Ansatz sozusagen das ralsche im fichtigen. Und ich möchte noch anmerken, daß auch der ardornierte Ansatz zu kurz greift. Wenn wir uns das Leben als bedroht und endlich vorstellen sollen, dann doch mit dem Grund, schnell noch irgendetwas identitätielles zu "vollenden" und das halte ich für eine Geographie für/von Barhocker oder Kaffeehausaktivisten. Natürlich gilt es den Kampf des Menschen gegen die Natur zu beenden. Und da aber auch in erster Linie den Kampf gegen seine eigene Natur. Unterstützt die Menschen dabei sie selbst zu sein und durchschaut den Rechenprozeß: es gäbe keinen Platz, keine Zeit, keinen Raum, kein Verstehen. Es sind doch die, die alle Logistik für sich verwenden wollen, die dann an den Baum fahren. Und noch dümmer, wenn sie das für jemand anderen tun.
wenn martin sagt: "wir leben in einem umfassenden, totalen verblendungs-zusammenhang", dann fällt das historisch gesehen genau mit der existenz des patriarchats zusammen . das ist aber parasitär aus dem matriarchat entstanden (Heide Goettner-Abendroth) und kann von daher auch wieder entmystifiziert und relativiert werden . das heisst jetzt nicht, dass wir wieder in den vorpatriarchalischen zustand zurückkehren sollten, aber es heisst, dass die krankheit dieser welt in dem abwertenden unverständnis besteht, das die männer den frauen gegenüber praktizieren .