Begriffe als geerdete Symbole

Version 27, 80.109.214.251 am 4.10.2006 21:36

wieder ein Versuch der Verständigung über Wörter, Begriffe, Bedeutungen

Thomas:

(schreibt in Was sind Begriffe) Der Unterschied zwischen Symbol und Begriff ist für mich, dass Begriffe "geerdete Symbole" sind, d.h. nicht nur selbst als Werkzeug benutzt werden, sondern erst Begriffen, d.h. in einen integren rationalen Bezug zu meiner sonstigen rationalen und empathischen Weltkonstruktion gebracht werden müssen, damit sie für mich zu einem Begriff werden.

Ansonsten kann ich Begriffe auch nur als Symbole für Symbole / Begriffe anderer nutzen; ob diese diese selbst "begriffen" haben, oder aber nur als Symbole benutzen, muss ich mir selbst erarbeiten.

Wenn wir zusammen an rationaler Analyse arbeiten wollen, dann muss ein gewaltiges Stück Arbeit zur Kopplung der je individuellen Symbolsysteme getan werden.

Helmut:

Wir leben tatsächlich in der Situation, wo viele Begriffe als Kombination von (Symbol + Bedeutung) sehr stark geerdet (mit Weltanschauung und Empathie verbunden) sind. Wenn also Menschen, auf Grund ihrer kulturellen, nationalen oder weltanschaulichen Herkunft ganz unterschiedliche "Erdungen" ihrer Begriffe haben, ist es kein Wunder, dass sie praktisch anderer Sprachen sprechen und sich nicht verständigen können. Begriffe wie "Marktwirtschaft" oder "Islam" lösen wechselweise Identifikation oder Ablehnung aus. Begriffe wie "Freiheit" oder "Demokratie" scheinen so unscharf, dass sie mehr wie emotionale Fahnen von jedermann geschwenkt werden, ohne dass auch nur die Erdung annähernd klar wäre.

Es gibt aber auch Begriffe wie "Kreis", "Familie" oder "Atom", die eine solche Erdung kaum besitzen. Sie sind einfach und tragen sozusagen keinen Rucksack unnotwendiger Assoziationen mit sich herum. Diese Begriffe sind in der Kommunikation unproblematischer, sie erzeugen keine weltanschaulichen Komplikationen oder und Missverständnisse. Aus meiner Sicht ist deswegen naheliegend, geradezu intellektuell oder philosophisch lebensnotwendig, Begriffe aus weltanschaulichen Bindungen zu befreien. Das bedeutet: sie hinterfragen, sie vereinfachen, sie zu frei verfügbaren Werkzeugen für alle zu machen.

Nur auf diese Weise kann man dem "Kampf von Weltanschauungen" entkommen. Das erscheint mir als wesentliches Teilziel der Emanzipation des Menschen, der sich - neben vielen anderen Herrschaftsansprüchen - eben auch jenen Herrschaftsanspruch seiner weltanschaulichen Herkunft zur Wehr setzen muss, um frei zu sein.

Thomas:

Helmut, was du schreibst sagt mir, dass du mich wesentlich nicht verstanden hast. Kannst Du bitte in deinen Worten möglichst präzise beschreiben, was ich unter "geerdetes Symbol" verstehe ?

Helmut:

Thomas, ich verstehe dich so, dass du (1) Begriffe als miteinander konsistent verwobene Teile eines rationalen und emphatischen (Weltanschauungs-)Systems verstehsts. (2) es dir auf das Gesamtbild ankommt und (3) du erwartest, dass Diskussionspartner - z. B. ich - sich ganz auf deine Weltanschauung (deine Sprache und Begriffe) einlassen. Wo liege ich da falsch?

Thomas:

(1) trifft zu, (2) auch, hat aber mit dieser Debatte nichts zu tun und bei (3) kommt es auf die Interpretation an, ob ich zustimmen kann. Die Aussagen geben aber nicht das wieder, was ich gesagt habe, sondern sind nur deine Interpretationen dazu. Deine Wiederholung alleine gibt nicht das wieder, was ich gesagt habe.

Du benutzt "Begriff" immer wieder als Tupel ( Wort, Bedeutung). Sind wir uns einig, dass ein Wort selbst keine Bedeutung transportieren kann ? Es kann nur an eine Bedeutung erinnern, die irgendwie anders trasportiert wird.

Mir kommt es darauf an, dass diese "Bedeutung" ein je individueller Zustand ist, und das wir selbstverständlich davon ausgehen müssen, dass die durch Worte bezeichneten Bedeutungen zumeist nicht übereinstimmen, ja es noch nicht einmal eine zeitliche Invarianz der Bedeutung bei einem Individuum gibt.

Wie sieht ein Prozess aus, der die je individuellen Bedeutungen so koppelt, dass eine Verständigung möglich ist ? Welches Wort dann auf diese dann gekoppelten Zustände verweist, ist mir nebensächlich.

Sollten wir uns verständigen können, werden wir zusammen Wörter finden können, für das dann gemeinsam gedachte. Ob es Wörter aus meiner, deiner oder einer neuen Sprache sein werden, wird sich zeigen.

Mir scheint, dass es Dir auch um Verständigung geht. Dein Vorschlag für diesen Prozess scheint mir: Benutze nur Worte, bei denen eine "gekoppelte Bedeutung" vorausgesetzt werden kann. Dies mag für einen einfachen Wortschatz wohl ausreichen, vor allem wenn die Bedeutung über einfache Handlung gekoppelt ist, wie bei Gebrauchsgegenständen etc..

Die Schwierigkeit der Kopplung von Bedeutungen scheint wohl beim Übergang von "Ding" zur "Idee" stark schwieriger zu werden.

Bei dem, was uns aber hier interessiert – Theorien über Gesellschaft – ist aber bei keinem einzigen "Begriff" von solch einer Kopplung auszugehen.

Was ich als "Erdung" bezeichnete ist der Versuch, stattgefundene Kopplung zu benennen. Diese Kopplung kann ich mir nur durch Nachvollziehen der Konstruktion des Begriffes bei einem Individuum vorstellen. Dies nenne ich "Aneignung". Ich eigne mir einen Begriff an, indem ich den Gebrauch des Begriffs durch ein Individuum kennenlerne durch auseinandersetzung mit seinem Werk. Eventuell färbt auch durch Auseinandersetzung mit Menschen, die sich schon auseinandergesetzt haben, zu einer Kopplung. Ich fürchte jedoch, dass je vermittelter der Prozess ist, es umso unwarhscheinlicher zu einer Kopplung kommt.

Um es nochmal zu wiederholen: mir geht es nicht um das Festnageln von Bedeutungen von Wörtern. Es geht mir darum, die meine und deine Konstruktionen abzugleichen – zu koppeln. Wenn Du Benennungen für meine Konstrukte hast, Die Du passender findest, dann freue ich mich über Vorschläge.

Was ich "Begriff" nenne, könnte vielleicht besser "Theoriebegriff" heißen. Alles, was den Anschein von Kopplung mindert, sollte hilrfreich sein.

Ich hatte andernorts schon man vorgeschlagen "Theoriebegriffe" immer zu kennzeichnen, um von vornherein zu wissen, wessen Begriff in wessen Rezeption (Nachkonstruktion) benutzt wird, eventuell noch um Zeitangaben markiert.

Helmut:

Du schlägst damit ein wesentlich komplizierteres Modell für das Funktionieren von Bedeutung, Lernen, Sprache und Kommunikation vor. Ich weiß nicht, ob es möglich und sinnvoll ist, den Wörtern grundsätzlich ihre Funktion, Bedeutung zu verkörpern, abzusprechen. Immerhin verwenden auch wir - hier und jetzt - Wörter zur Verständigung. Und diese übertragen doch, solange es nicht zu schwierig wird - Bedeutung ganz brauchbar.

Dein Standpunkt erscheint mir stark vom Konstruktivismus beeinflusst. Dort, wo diese sagen: es gibt keine objektive Realität, scheinst du noch mehr zu sagen: (1) es gibt keine objektivierbare Beziehung zwischen Wörtern und Bedeutungen und (2) es gibt keine Sicherheit für Verständnis, für den Transfer von Bedeutung. Das ist imho ein unnötig skeptizistischer Standpunkt. Jeder kann dann immer sagen "du verstehst mich nicht" und begründen "weil du dich nicht dem komplizierten Prozess der Aneignung unterziehst, dessen Ergebnis - wenn überhaupt - nur ich kontrollieren kann".

Vielleicht hilft uns eine Verbindung konstruktivistischer Vorstellungen in Verbindung mit patterns. Was hältst du von "Bedeutung ist ein Assoziationsmuster psychischer Elemente". Ein Wort wäre dann einfach ein optional hinzuassoziiertes Sprachsymbol. Ein Begriff bliebe die Verbindung von Wort und Bedeutung, ohne aber dem Tupel so zentrale Stelle einzuräumen. Das Tupel wäre nur die spezifische Sprachperspektive. Ein Gedanke wäre ein Assoziationsmuster, der nicht mit einem Wort, sondern z. B. einem Satz verbunden ist. Assoziationsmuster könnte man sich wie Graphen vorstellen, mit Elementen und Beziehungen, die man vergleichen kann, die mehr oder weniger "kongurent" sein können, oder z. B. mit "Schnittmenge" und "Vereinigungmenge". "Erdung" ist für mich missverständlich, weil ich damit nicht bi-laterales, kommunikatives assoziiere. "Koppelung" ist besser, drückt aber keine Übereinstimmung aus, wohl aber den Anbindungsversuch oder Austausch. "Resonanz" wäre im emotionalen, "Kongruenz" im rationalen tauglich um Übereinstimmung auszudrücken.


benni:

1. Diese Form von analytischer Philosophie hat sicherlich ihre Berechtigung. Aber ich denke auch, dass bestimmte Phänomene so jedem Zugriff entzogen bleiben werden, weil ihr Funktionieren eben genau über diese Unschärfen funktioniert. Es bleibt also ab einem bestimmten Punkt nichts als sich auf diese Unschärfen einzulassen und sie "umzudrehen" wo nötig.

2. Wie soll man Mensch sein ohne eine Weltanschauung? Das geht wohl nicht. Und Weltanschauung bildet sich nun eben nicht im luftleeren Raum sondern gerade in der Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen. Diese ist unverzichtbar.

3. "Familie" ist nun wirklch alles andere als ein unumstrittener Begriff. Wer gehört dazu? Wie sehr lebt sie zusammen? Ist sie die Keimzelle der Gesellschaft oder ein Hort des Rückschritts? ...

Helmut:

1.a Ich würde es nicht als analytische Philosophie bezeichnen. Einerseits geht es über die Analyse hinaus, weil Begriffe neu erfunden oder vorhandene Begriffe verändert werden. Andererseits stößt man in jedem interessanteren Gespräch oder Gedanken an diese Probleme, so dass es zur Kommunikationsfähigkeit schlechthin gehört. Ich würde es als "Begriffskompetenz" bezeichnen: die Fähigkeit über Begriffe zu reflektieren, sich ihrer Stärken und Schwächen und der Notwendigkeit ihrer Anpassung an Entwicklungssituationen und Gesprächssituationen bewusst zu sein und diese bei Bedarf auch durchzuführen.

1.b Im Bezug auf das Einlassen auf Unschärfen und die "Schärfung bei Notwendigkeit" (das "Umdrehen") stimme ich dir 100% zu.

2. Weltanschauung ist nicht vermeidbar, das ist richtig. Aber gerade für die ebenfalls unvermeidlich Auseinandersetzung braucht man Begriffe, die beide Seiten verstehen und verwenden können, die also relativ einfach sind.

3. "Familie" ist sicher ein unscharfer Begriff, aber er scheint mir trotzdem vergleichsweise unproblematisch, da nicht so sehr "um" den Begriff "Familie" gestritten wird (allenfalls spricht man dann eben von der "Großfamilie" oder der "Patchworkfamilie" oder den "im Haushalt lebenden" etc.), sondern mehr "mit" dem Begriff "Familie" um "reale Verhältnisse" gestritten wird (welchen Wert hat die Familie, wie soll sie gefördert werden, welche rechtlichen Bestimmungen greifen ein, können Homosexuelle eine Familie gründen und Kinder adoptieren, wie hängen Ehe und Familie zusammen, wie werden soziale Absicherungen gestaltet, etc.). Das heißt auch, dass es hier schon das Bewusstsein gibt, dass der Begriff "Familie" nicht einfach weltanschaulich absolut, unveränderlich vorgebbar oder definierbar ist, dass er einer Gestaltung unterliegt und dass man bei Bedarf eben neue Begriffe oder Begriffssysteme (Lebensgemeinschaft, Lebensabschnittspartner, ...) einführen muss, um über das vielfältige Realitätsfeld sprechen zu können. Der Werkzeugcharakter der Sprache und der Begriffe tritt hier IMHO schön zu Tage.

4. Welchen Sinn hätte es z. B. wenn man in Familienfragen weltanschaulich geerdete Begriffe verwenden würde, die wesentlich nur einer Weltanschauung unmittelbar zugänglich und verständlich sind, während die Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft (die ein Dutzend andere Weltanschauungen haben) damit kaum zurecht kommen können.

5. Aus diesem Beispiel ergibt sich imho auch einleuchtend, dass gesellschaftliche Veränderungen ungeerdete, einfache Begriffe brauchen, die leicht verständlich sind und mit denen mehrheitsfähige Positionen für Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen formuliert werden können.

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Samstag, 16. September 2006

Diskussion zum Begriff "Begriff", sigis Kritik verschoben