Zur "Logik" des Kapitals
Diese Seite bezieht sich auf die Studien zum "Kapital" der Zukunftswerkstatt Jena.
Zum Vorgehen beim Studium des "Kapitals"
"Die meist recht einfache Sprache verleitet bei einer oberflächlichen Lektüre sogar dazu, dass man vorschnell glaubt, alles begriffen zu haben." (Heinrich 2008: 21)
Wenn wir einfach von unserem normalen, alltäglichen Denken oder auch angelernten Begriffen und Methoden ausgehen, so könnten wir vieles systematisch missverstehen, denn es ist "uns Bürgern einer kapitalistischen Gesellschaft kaum möglich ..., in Nicht-Tauschbegriffen zu denken." (Haug 1989: 43). Unser Denken ist nicht willkürlich wählbar. Ohne eine bewusste Reflexion über unsere Denkformen reproduzieren wir einfach das, was uns in der gegebenen Gesellschaftsform nahe gelegt wird: Wir reproduzieren die gegebenen Verhältnisse, nehmen sie als gegebene Tatsache hin und verdoppeln sie lediglich gedanklich – statt eine kritisierende, negierende Distanz aufbauen zu können. Was wir – aufgrund der von uns gelebten alltäglichen Praxis – gedanklich erzeugen, sind "objektive Gedankenformen", d.h. "Formen, die primär nicht solche des Denkens sind, sondern solche der gesellschaftlichen Grundverhältnisse, also gesellschaftliche Praxis-, Verkehrs- und Verhaltensformen" (ebd.: 42). Das führt z.B. dazu, dass die Wertform nicht von vornherein als spezifisch nur für den Kapitalismus gedacht wird, sondern für alle Gesellschaftsformen vorausgesetzt wird. Dann wird z.B. jede zweiseitige Beziehung, sogar die Zärtlichkeiten zwischen Menschen, als Warentauschbeziehung gedacht.
Die Notwendigkeit von Dialektik
Der Begründungszusammenhang im "Kapital" kann sich nicht erschließen, wenn man von einem streng linearen Argumentationskonzept ausgeht. Es wäre nicht angemessen, induktiv von einzelnen Waren auszugehen und dann ihre theoretische Verallgemeinerung zu suchen. Ebenfalls reicht es nicht aus, etwas Allgemeines voraus zu setzen und daraus das Einzelne, Besondere ableiten zu wollen. Beide Richtungen sind verflochten, das gesellschaftliche Kapitalverhältnis ist eine in sich widersprüchliche Einheit, bei der es selbst die Momente aus sich heraus setzt, die sich widersprechen, aber auch gegenseitig bedingen und enthalten und in ihrer Bewegung das Ganze konstituieren. Solch eine Einheit zu denken ist mit der formalen Logik nicht möglich, hier wird dialektisches Denken benötigt.
Um nicht einfach den "objektiven Schein" gedanklich zu verdoppeln, geht es darum, die "verkehrte Widerspiegelung in der Erscheinung auf der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft" (Einleitung zur MEGA II, 5: 18) zu überwinden. Besonders das, was am Anfang als gesetzt genommen (vor allem, insofern es unhistorisch genommen) wird, wird danach negiert/kritisiert/aufgehoben und als konkret-historisch und widersprüchlich nachgewiesen. Manches, was "bei Marx so steht", ist nicht Marxens Position, sondern eine Aussage, die er später in ihrer Absolutheit/Einseitigkeit selbst widerlegt! Der Ausgangspunkt mit der "Ware" wird im Verlauf der Argumentation so aufgeschlüsselt, dass sich dabei zeigt, dass die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Menschen in der kapitalistischen Warengesellschaft sich in verkehrter Form als Verhältnis von Sachen verwirklichen und verwirklichen müssen.
Die Dialektik bei Hegel und Marx
Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Kenntnis der Hegelschen "Logik" das Nachvollziehen der Argumentationsschritte in Marx "Kapital" sehr erleichtert. Wir wollen nicht in Abrede stellen, dass man das "Kapital" vielleicht auch ohne Dialektik einigermaßen verstehen kann, wie in der "Kapital-Lesen"-Kampagne nachdrücklich vertreten wird. Dann aber werden manche Übergänge schwer verständlich und motivierbar, es bleibt unklar, warum Marx besonders zu Beginn wovon abstrahiert. Irgendwie stimmt am Ende schon alles... aber ein wesentliches Denkwerkzeug, das auch für Marx persönlich unverzichtbar war, bleibt unbekannt. Damit werden Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Kurse zwar mit den Ergebnissen Marxscher Studien bekannt gemacht - das Wichtigste, die Fähigkeit, in gleicher Weise produktiv und kreativ zu denken - bleibt ihnen aber vorenthalten. Der Verzicht auf solch ein fruchtbares Denkwerkzeug wie die dialektische Logik in der Tiefe, wie sie Hegel entwickelt und Marx für seinen Gegenstand, die Analyse der kapitalistischen Verhältnisse präzisiert hat, wiederholt die verhängnisvollen Entscheidungen in der UdSSR in den 50er Jahren, auf das Studium von Hegel weitestgehend zu verzichten, was nicht unerheblich zum Verlust philosophischer Kultur in den realsozialistischen Ländern beigetragen hat.
Die meiner Erfahrung nach beste Darstellung der "Logik des "Kapitals"" wurde erst 2002 ins Deutsche übersetzt und steht jetzt über "Books on Demand" zur Verfügung. Es ist das Buch: Vazjulin, Viktor A. (2002): Die Logik des "Kapitals" von Karl Marx. Books on Demand GmbH: Norderstedt.
Eine graphische Übersicht über die "Logik des "Kapitals"" entstand für das Kapital-Seminar der Zukunftswerkstatt Jena. Die TeilnehmerInnen sind übrigens alle Nicht-GeisteswissenschaftlerInnen und wir haben uns im Rahmen von Freizeit-Seminaren seit Jahren auch ab und zu mit der Hegelschen Dialektik beschäftigt.
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