Was mir Hegel gibt

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Begonnen hat meine Hegelgeschichte erst nach der Wende. Vorher teilte ich wohl mit vielen die Tradition des Marxismus-Leninismus, die Dialektik in der von Friedrich Engels und W.I. Lenin beschriebenen Weise als ausreichend zu betrachten. Spätestens nach der Wende war aber nun endgültig das Selberdenken und -argumentieren angesagt und ich versuchte, einige Fragestellungen selbst abzuleiten.

Die Frage nach dem Wesen

Ich war schon immer begeistert von Wissenschaft in dem Sinne, dass ich tiefere Zusammenhänge in der mannigfachen Welt der Erscheinungen auffinden und begreifen wollte. Ich studierte dann Physik und machte mein Diplom in Kosmologie. Ich habe dabei viele solche Zusammenhänge kennen gelernt und es war klar: Wissenschaftliche Erkenntnis ist nicht einfach nur eine Zusammenfassung im Sinne der Summe der einzelnen Beobachtungen. Sie ist auch nicht einfach nur "Verallgemeinerung", denn unwesentliche Sachen werden nicht mit verallgemeinert, sondern nur "wesentliche". Hoppla... was sind denn wesentliche und was unwesentliche Momente? In der Physik weiß man das im konkreten Fall aus der eigenen Fachkenntnis heraus meistens. Aber mal ganz allgemein gesehen, was ist das Typische, das Allgemeine, das Wesentliche an dem, was man in der Wissenschaft als das "Wesentliche" herauszieht? Konkret kommt das auch darin zum Ausdruck, dass z.B. Naturgesetze als "allgemein-notwendige, das heißt wesentliche Zusammenhänge" gekennzeichnet werden. Aber was ist nun das "Wesen"?

Als ich einen Philosophen danach fragte, hatte ich Glück, einen guten Philosophen zu treffen, der mich nicht dogmatisch abfertigte. Ein westlich sozialisierter Philosoph hätte mich wahrscheinlich von der Frage abzubringen versucht, indem er auf die vorherrschende Tradition der analytischen Philosophie (und Wissenschaftstheorie) verwiesen hätte, in der solche Fragen wie nach dem Wesen als metaphysische Fragen aus der Wissenschaft zu verdammen seien.
Mein Philosoph jedoch sagte zu mir, ich fände eine Antwort in der "Wissenschaft der Logik" von Hegel, am Ende des I. Bandes. Also begann ich zu lesen. Was heißt "zu lesen".... Wer es einfach mal so versucht hat, weiß in welches Desaster man damit gerät. Ich verstand natürlich nur Bahnhof.

Verständnisprobleme

Mir ging es ganz genau so, wie es einige auch hier in der Debatte schon beschrieben haben. Ich versuchte, den Text einfach so zu lesen und die Wortaufeinanderfolge in dem Sinne zu verstehen, wie die Worte halt in meinem Kopf vorhanden waren. Allerdings traute ich mir nicht, so schnell mit der Hand zu sein mit Bemerkungen wie "Geschwafel" und so. Ich ging erst mal davon aus, dass es mir an genügend Vorkenntnissen mangelt. Beispielsweise käme ich mir ziemlich blöd vor, wenn ich - trotz intensiver Matheausbildung und Diplom in theoretischer Physik - irgend ein Buch der höheren Mathematik in die Hand nehmen würde und weil ichs nicht verstehe, zuerst dem Autor Vorwürfe machen würde. Genau so, wie ich für die Mathematik eine aufbauende Bildung brauche, so muss ich sie mir für philosophische Texte auch aneignen. Ich kann keine Statik von Brücken berechnen, ich kann keine Heiltherapie entwickeln, ich kann vieles nicht, ohne mir vorher Fachkenntnisse angeeignet zu haben. Das Problem bei philosophischen Texten ist, dass dort Wörter und eine Grammatik verwendet werden, die jede/r zu verstehen glaubt.

Die Texte sind Antworten - aber was waren die Fragen?

Nun, ich war grad erwerbslos und wollte wirklich mehr Philosophie verstehen, als was ich bis dahin kannte. (Es wäre ja auch langweilig gewesen, bei meinem damaligen Stand zu bleiben und mich darin den Rest meines Lebens im Kreise zu drehen). Glücklicherweise gabs damals noch kein Internet, so dass ich mir wirklich mehrmals mehrere Wochen Zeit nahm, die ersten Bücher von Hegel und Sekundärliteratur und ähnliches gründlich durchzuarbeiten. Den Anfang machte ich mit dem Lesen von Biographien der sog. Klassischen Deutschen Philosophen. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, die philosophischen Texte nicht nur so für sich zu nehmen, sondern ich konnte einordnen, auf welche Fragestellungen sie eine Antwort zu geben versuchten. Das war vor allem die Frage der Freiheit. Ich fand das überdeutlich bei Fichte (in "Die Bestimmung des Menschen", siehe dazu http://www.thur.de/philo/as222.htm), dann auch bei Schelling (siehe dazu http://www.thur.de/philo/as221.htm) und weitergehend bei Hegel (siehe dazu http://www.thur.de/philo/hegel/hegel22.htm). Mit diesem Wissen im Hinterkopf lasen sich die Texte auf einmal ganz anders als heute oft interpretiert. Und ich denke, es ist auch wichtig, diese Kontexte immer mit zu berücksichtigen. Ich begann mich auf diese Weise mit den Autoren sehr geistig-verwandt zu fühlen, auch wenn ich nach wie vor nicht in allen Punkten ihre Position teile. Aber es entwickelte sich eine Art "Grundvertrauen" in ihre Absichten und viel Interesse, mehr über sie kennen zu lernen und von ihnen zu lernen.

Die Systemfrage

Eine dieser Fragen hatte auch mit meiner doch stark von den Naturwissenschaften herkommenden Sichtweise auf die Welt zu tun. Ich hatte nach der Physik vor allem die Selbstorganisationskonzepte (Prigogine, Haken etc.) studiert (siehe http://www.thur.de/philo/asglied.htm#so). Einige Menschen in meinem Umfeld fanden, dies seien nun die verbesserten Formen von allgemeinen Systemtheorien, die aus allen anderen Wissensgebieten die allgemeinsten Zusammenhänge abbilden könnten. Die Philosophie jedoch behauptet aber auch, das "Allgemeinste" zu sein... Brauchen wir nun keine Philosophie mehr?

Später erfuhr ich, dass genau diese Frage z.B. in der DDR schon Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre diskutiert worden war, als eine Zeitlang eine kybernetische Weltsicht und Begriffsbildung die philosophische zu ersetzen begonnen hatte (man erkennt das z.T. noch an dem bekannten orange "Philosophischen Wörterbuch"). Leider wurde bei der späteren Zurückweisung des überzogenen Anspruchs von Kybernetikvertretern größtenteils nicht sachlich argumentiert, sondern machtpolitisch agiert. Mir persönlich war irgendwie klar, dass die Kybernetisierung kein Ausweg sein konnte, mich befriedigten diese Modelle trotz aller Begeisterung (die man vielleicht aus meinen Webseiten zur Selbstorganisation rauslesen kann) nicht vollständig. In der Philosophie gab es noch mehr, als diese Art Systemdenken erfassen konnte und wollte. Was das genau war, begann ich erstmalig zu ahnen, als ich ein ziemlich altes Buch von Camilla Warnke (von 1972 !) dazu las. Sie bezog sich auf den Unterschied von abstrakter Allgemeinheit und konkreter Allgemeinheit. Das klingt schon wieder total abgehoben (zur Geschichte dieser Unterscheidung siehe http://www.thur.de/philo/abstrakt.htm#_Toc494860269. Aber der Inhalt ist ganz, ganz wichtig:

Letztlich gibt es in der Welt ja Einzelnes und Zusammenfassungen davon. Die Frage nach dem Vielen und dem Einen, den Teilen und dem Ganzen, dem Mannigfaltigen und der Einheit bzw. dem Einzelnen, Besonderen und dem Allgemeinen ist ja eigentlich die Grundfrage, um die es sich in der Philosophie immer wieder dreht (verbunden mit der oben erwähnten Freiheitsfrage: sie bezieht sich auf die Freiheitsgrade des Vielen, der Teile, des Mannigfaltigen, des Einzelnen, Besonderen). Die einfachste Lösung wäre es, das Eine, das Ganze, die Einheit, das Allgemeine zu leugnen und nur dem Einzelnen eine Existenz zuzusprechen, das ist als "Nominalismus" bekannt und gerade in der Postmoderne wieder einmal nacherfunden worden. Wer das als Lösung ansieht, wird an allen nachfolgenden Überlegungen zum Allgemeinen, zum Ganzen, zum Systematischen natürlich in keinster Weise Interesse haben. Aber für jene, die denken, dass die Welt doch ein bißchen komplizierter ist, steht die Aufgabe, das Viele, die Elemente und das Eine, das System irgendwie zusammen zu denken. Diese Aufgabe kann nun auch wieder auf unterschiedliche Weise gelöst werden. In der einen Variante stellt man sich einerseits die Teile vor und andererseits das Ganze. Das heißt im Extremfall: es könnte eigentlich auch die Teile alleine geben und auch das Ganze ohne Teile. Das nennt sich: die "abstrakte" Einheit, das abstrakte System, die abstrakte Allgemeinheit. Zumindest im Denken ergeben sich solche Trennungen der Teile vom Ganzen häufig, das ist nichts Ungewöhnliches und auch oft notwendig (schon mal ein Vorgriff: bei Hegel ist solches Denken als "wesenslogisches" Denken gekennzeichnet). Übrigens ist es in den Naturwissenschaften schon möglich, genau diese Trennungen vorzunehmen, ohne gleich auf die Nase zu fallen, deshalb liegt es für Naturwissenschaftler(innen) wie mich besonders nahe, beim Nachdenken über das Allgemeine genau auf das abstrakte Allgemeine in den kybernetischen, systemtheoretischen und Selbstorganisations-Theorien zu kommen.

Bei der Gesellschaft kommt man da aber in Probleme. Entweder man sieht nur die Individuen und versteht nicht, wie die soziale Kohärenz zustande kommt oder man nimmt die Gesellschaft als System und die Menschen (oder ihre Beziehungen) als deren Elemente werden unwesentlich oder fallen ganz aus dem System heraus (wie bei Luhmann). Wer darin die angemessene Sichtweise sieht, wird wiederum auch nicht weiter fragen brauchen. Aber für mich war das nicht befriedigend. Es muss doch möglich sein, die spezifische Einheit von Ganzem und seinen Teilen so zu denken, dass Teile und Ganzes nicht ständig auseinander fallen und dann fast künstlich wieder zusammen gebracht werden müssen. Ich habe grad geschrieben: "Einheit von Ganzem und seinen Teilen". In Hegels Worten kennzeichnet die Dialektik das Denken der "Identität von Identität und Unterschied". Das klingt für manchen wie Geschwafel, für mich ist es eine sprachliche Formel für die Frage, wie ich Individuelles und Gesellschaftliches zusammen denken kann, ohne es auseinander zu reißen. In der Wirklichkeit, also der "konkreten" Welt, gibt es ja die Teile und das Ganze auch nie völlig getrennt voneinander, sondern nur miteinander. Deshalb heißt die so gedachte Allgemeinheit auch "konkrete Allgemeinheit" (die Konkretheit hat dann nichts mit dem Unmittelbaren, dem Faktischen zu tun) und das komplizierte Denken dieser Einheit heißt auch "begriffslogisches" Denken.

Als erstes Ergebnis meiner Überlegungen zum Verhältnis von Selbstorganisations-Systemtheorien und philosophischer (Dialektik-)Theorie kann nachgelesen werden: http://www.thur.de/philo/project/salecina/salecina.htm.

Verständnis des Systems

Auf meinem Weg, einen Zugang zu diesen Fragen zu finden, machte ich eine interessante Erfahrung: Das Hegelsche System erleichtert das Verständnis seiner Philosophie ungemein. Im Unterschied zu anderen Philosophen, die die Wörter immer mal in anderen Bedeutungen verwenden, oder die in sprachlicher Uneindeutigkeit brillieren, erleichtert uns Hegel den Umgang mit seinen Kategorien. Bei ihm ist die Bedeutung der Worte in seinen Texten selbst erläutert. Dadurch ergeben sich Verschiebungen - ein Wort bedeutet nicht immer das, was wir in der Alltagssprache als seine Bedeutung kennen. Es sind nicht einfach Worte aus einem deutschen Wörterbuch, sondern fachsprachliche Kategorien bzw. Begriffe. Wie die Bedeutung von Zustandsgrößen in der Physik oder Formeln in der Mathematik müssen diese Bedeutungen erschlossen, verstanden und dann in angemessener Weise verwendet werden, um nicht etwas falsch einzuordnen. Außerdem haben wir mit Hegel ein großes Problem: Seine Philosophie verwirklicht den Anspruch, dass nichts von vornherein und ein für allemal festgelegt ist, sondern alles immer in Bewegung bleibt. Für die Bedeutung seiner Kategorien gilt dies auch. Für das, was wir vorhin das "Eine", das "System", das "Ganze" oder die "Einheit" genannt haben, hat Hegel ganz bestimmte Kategorien, deren Verwendung bei Hegel uns ganz genau etwas darüber sagt, in welchem Kontext er gerade etwas darüber aussagt. Wenn er das Wort "Ganzes" als Kategorie verwendet, trägt es in seiner Bedeutung, dass das Ganze noch als getrennt von seinen Teilen gedacht wird. Es wird additiv gedacht: Beispielsweise werden erst die Teile gedacht und dann zusammengesetzt als Ganzes, oder erst das Ganze, was dann unterteilt wird. Aber es ist auch wichtig, eine Einheit zu denken, in der nicht erst das eine und dann das andere gedacht wird, sondern beides zusammen fällt (eben die Einheit von Einheit und Unterschied). Der Mensch ist auch als Individuum ein gesellschaftlich bestimmtes und die Gesellschaft existiert nicht ohne die Lebenstätigkeit der menschlichen Individuen. Da gibt es kein "Erst dies - dann jenes".

Eine solche Einheit wird durch die Kategorie "Totalität" benannt. Das hat überhaupt nichts mit "Totalitarismus" zu tun. Denn die Totalität (z.B. Gesellschaft) ist genau jene Einheit, die nie getrennt von ihren Momenten (z.B. menschlichen Individuen) gedacht werden kann. Die Momente (Individuen) sind konstitutiv, nicht auslöschbar.

Das zeigt sich auch bei der Frage der Entwicklung. Ein System, ("nur") als Ganzes gedacht, ist in sich auch unhistorisch. Bei ihm muss die Entwicklung zusätzlich hinzu gefügt werden. Nicht umsonst unterliegen die typischen autopoietischen Systeme keiner Entwicklung, sondern lediglich einem "Driften" und bei der Selbstorganisation ist der zur Organisierung notwendige Parameterwechsel von außen induziert - beispielsweise durch Zufuhr freier Energie. Eine Totalität dagegen ist immer ein sich entwickelnder Gesamtzusammenhang, bei dem die Bedingungen seiner Veränderung selbsterzeugt sind (siehe http://www.thur.de/philo/hegel/hegel6.htm).

Aufgrund dieser ständigen Prozessualität befindet sich auch die Bedeutung seiner Kategorien ständig im Wandel. Es fällt schwer, z.B. ein Karteikartensystem aufzubauen, mit dem jedem Wort eine eindeutige Bedeutung zugewiesen wird. Immer muss die Bewegung mitgedacht werden! (also gerade das Gegenteil von dogmatischen Festlegungen). Aus dieser Prozessualität ergibt sich noch eine andere Besonderheit: Die (deutsche) Grammatik ist unbeweglich. Es wird als Subjekt etwas Statisches vorgegeben, dem dann mittels Verben eine Bewegung zugefügt wird. Das sichselbsterzeugende, selbstbewegliche Subjekt kann damit nur schwer ausgedrückt werden. Ernst Bloch löste die Einbeziehung des ständigen Werdens in die Grammatik mit der Formel: "S ist noch nicht P" (Das Subjekt ist noch nicht das Prädikat). Bei Hegel ist das Bemühen, die Selbstentwicklung aller Kategorien auch im Satzbau abzubilden, die Ursache für massive Verständnisschwierigkeiten. Wir müssen uns dann entscheiden: Wollen wir weiter statisch denken und sprechen, oder fällt uns eine andere Möglichkeit ein, mit Worten Veränderung und Entwicklung auszudrücken, oder versuchen wirs erst mal mit Hegels Ansatz?

Es muss natürlich nun nicht dogmatisch von allen, die die deutsche Sprache verwenden, gefordert werden, dieselben Worte für dieselben Bedeutungen zu verwenden (auch in der Physik wird eine Kraft mal K mal F genannt...). Aber der Inhalt der Bedeutungen spielt eine Rolle und sollte ernst genommen werden, wenn man philosophische Aussagen verstehen will. Zur Kommunikation und vor allem auch zum Lernen bieten sich natürlich Vereinbarungen an, die alle Beteiligten teilen, und es macht nur selten wirklich Sinn, sich da weit von Hegels Wortverwendungen zu entfernen.

So sehr uns Hegels Anspruch, die Entwicklung immer mitzudenken, den sprachlichen Ausdruck erschwert, so sehr erleichtert er uns das Verständnis aber auch durch die Systematik seiner Kategorien. Es lockt oft, diese Systematik zum Schema zu verflachen. Das passiert z.B. bei der altbekannten Rede von "These"-"Antithese"-"Synthese". (Hegel hat sich gegen dieses Reden auch explizit gewehrt.) Aber es besteht die Möglichkeit, sich "Eselsbrücken" zu bauen, um die jeweiligen Bedeutungen in ihrem Kontext besser zu verstehen. Das ermöglicht die typische Struktur seiner Gliederungen (siehe: http://www.thur.de/philo/hegel/hegel1.htm und http://www.thur.de/philo/hegel/hegel2.htm)

Zurück zur Wissenschaft

Es ist eigenartig: Wenn ich mich nur für Naturwissenschaften interessiert hätte, und nicht auch für Gesellschaftstheorien (und -politik), hätte ich mich wahrscheinlich nie so intensiv mit Hegel beschäftigen müssen/wollen. Da ich es dann aber getan hatte, erschlossen sich auch für das Verständnis von Naturwissenschaft neue Welten für mich. Alles, was früher unter dem Stichpunkt "Naturdialektik" abgehandelt wurde, erfüllte sich mit tiefer reichenden Inhalten. Die Rolle des Wesentlichen, von der ich zu Beginn ausgegangen war, wurde zum Thema meiner Dissertation. Ich konnte das Hegelsche Denken nutzen, um die Frage "Was haben Naturgesetze mit der Wirklichkeit zu tun?" auf andere Weise als die üblichen zu lösen. Die eine bisherige Weise verlegte einfach die Naturgesetze in die Welt da draußen und meinte, unsere Erkenntnis kopiere nur Abbilder von diesen objektiven Gesetzen ins Bewusstsein, in die Theorie. Die andere Weise ging davon aus, dass die Erkenntnis durchaus ein vom Subjekt und vom Bewusstsein aktiv in Angriff genommener Prozess ist und die Rolle des Subjektiven berücksichtigt werden muss - dies führte im Extrem aber häufig zu übertriebenem Subjektivismus und Idealismus. Mir half bei der Beantwortung der Frage die Unterscheidung zwischen "Realität" und "Wirklichkeit", die Hegel traf. Gesetze sind wesentliche Zusammenhänge aus dem Bereich der Wirklichkeit, nicht der Realität. Ja, für viele mag das wieder nach "Geschwafel" klingen. Inhaltlich ist das ein wichtiger Unterschied: Wenn wir die Welt als "Realität" sehen, so nehmen wir ihre Fakten einfach hin. Der berühmte Spruch gegen Träumer: "Sei realistisch!" - oder aktuell politisch die Losung TINA ("There is no alternative") würden dem entsprechen. Tatsächlich aber sagen die Gesetze nicht "So ist es!" (und so wird es immer bleiben.", sonder sie sagen: "Dies und jenes ist unter diesen oder jenen Bedingungen möglich bzw. unmöglich." Das Neue hier ist der Begriff der Möglichkeit (was auch die Hauptkategorie bei Ernst Bloch war). Die Möglichkeit ist in der Hegelschen Kategorie der "Wirklichkeit" enthalten, aber noch nicht in der "Realität". Es macht also schon einen Unterschied, was man warum verwendet. Wenn wir Gesetze in den Zusammenhang zur Wirklichkeit/Möglichkeit stellen, sind sie keine Gefängnisgitter, sondern die Hebel, mit deren Wissen wir die Wirklichkeit aktiv verändern können.

Auf diese Weise schließt sich für mich ein Kreis. Für andere werden es andere Fragen sein, und noch andere Menschen haben grad keine solchen Fragen, für die sie Hegelsches Denken brauchen. Ich freue mich darauf, neue Kreise - in typisch hegelscher Weise nicht ewig in sich verlaufend, sondern sich fortentwickelnd wie eine Spirale - zu ziehen mit möglichst vielen Gleichgesinnten...

Versuch einer Gegenposition

Liebe Annette, ich danke dir, dass du den "Geschwafel"-Vorwurf so konstruktiv verarbeitest. Andere hätten vielleicht böse auf diese Provokation reagiert, oder sich gesagt "mit solchen Banausen rede ich doch noch" und sich zurückgezogen. Andererseits kann ich - Hegel und anderen klassischen Philosophen folgend - meine Interpretation des Wortes "Geschwafel" meinen Bedürfnissen anpassen und eben konkretere Vorwürfe hinterlegen.

Zunächst kann ich deinen Zugang gut verstehen. Ich habe Chemie studiert und im Bereich molekularer Systemsimulation dissertiert. Mein Hobby als Jugendlicher - nicht untypisch im Zeitalter der Mondraumfahrt - waren Astronomie und Kosmologie. Mit diesen Interessen und dem Wissen um das Große und das Kleine fühlt man sich dem Verständnis der Welt sehr nahe und auch für mich war die Philosophie immer eine naheliegende und notwendige Ergänzung.

Andererseits stamme ich aus dem "westlichen" Österreich und der Marxismus-Kommunismus war für uns eine reale Bedrohung unseres Lebensstandards, unserer Kultur und unserer Freiheit. So wie Hegel euch als Unterfutter für die gesellschaftliche Ordnung selbstverständlich war, so konnte Hegel auch als Teil des abgelehnten Kommunismus verstanden werden. Vermutlich hat sich das Hegel nicht verdient.

Das soll aber nicht auf eine Polarisierung "östlicher" oder "westlicher" Sichtweisen hinauslaufen, obwohl das vermutlich immer ein bisschen mitschwingen wird. Ich möchte den Weg zurückfinden zu den grundsätzlichen Fragen der Systemtheorie, der Naturwissenschaft, des Frage des Wesens, zu den Problemen der Sprache und dann wieder zu einer vertieften Kritik Hegels.

Systemtheorie ist ein sperriger Begriff, aber im Grunde betreibt jeder Systemtheorie, der über sich, die Welt und Grundsätzliches nachdenkt. Wissenschaftler, Philosophen und Laien betreiben das, manchmal auch unter dem Namen Systemtheorie (so wie z. B. Luhmann). Wir wissen auch, dass es sehr viele verschiedene Theorien und Sichtweisen gibt, die verschieden sichere, interessante, erbauende oder nützliche Aussagen machen. Es gibt aber weder eine umfassende Theorie, die alles erklärt, noch eine Meta-Systemtheorie, die uns erlauben würde in einer konsistenten Sprache über die verschiedenen Theorien zu sprechen.

Gerade in der Philosophie finden wir geschlossene Systeme, in denen eine bestimmte Weltsicht mit einer bestimmten Denkweise und einer eigenen Sprache zu einem "Gesamtkunstwerk" verschmolzen sind. Das bedeutet, dass diese Werke nur aus sich heraus, und nur nach erlernen einer "Fremdsprache" verständlich werden. In der Naturwissenschaft ist das etwas einfacher, weil die verschiedenen System auf gemeinsamen Konzepten wie "Beobachtung", "Experiment", "Reproduzierbarkeit" oder "Mathematik" aufbauen, und nur im Detail eine Fachsprache entwickeln, in die man sich mühsamer einarbeiten muss.

Immerhin gibt es über weite Bereiche einen Konsens, auf Absolutheitsansprüche zu verzichten und die Theorien als Konzepte zu verstehen, die auf Vereinfachungen und Abstraktionen beruhen und Modellcharakter haben, die bestimmte Aspekte der betrachteten Systeme verständlich machen, andere nicht. Sogar Luhmann, mit seiner umfangreichen sozialen "Systemtheorie" sagt, dass seine Theorie nur ein erster Versuch ohne Endgültigkeitsanspruch ist. Viele Religionen und viele klassische Philosophen sprechen jedoch apodiktisch und dogmatisch, und entsprechen damit nicht mehr einem modernen systemtheoretischen Verständnis, das sich seines partiellen Charakters bewusst ist.

Das bedeutet natürlich nicht, dass nicht die Frage nach dem "Wesen" sinnvoll ist und gestellt werden kann. Aber es bedeutet, dass man damit rechnen muss, dass es verschiedene Betrachtungsweisen dazu geben kann. Diese Betrachtungsweisen können einer rationalen Bewertung zugänglich sein, dann sind wir eher im Bereich der Wissenschaft. Oder sie können rein ideenbezogen sein, dann sind wir eher im Bereich der Metaphysik. Bestimmte Fragen nach dem "Wesen" sind auch hoffnungslos. Ein physikalisches Phänomen wie ein "Elektron" kann beschrieben und untersucht und mehr oder weniger gut verstanden werden, aber die Frage nach dem "Wesen" leistet dabei nichts zusätzliches.

Die Gefahr besteht eher, dass die Frage nach dem "Wesen" zu einer Zentralreduktion missbraucht wird. Der Begriff Zentralreduktion kommt aus der Systemtheorie und meint die menschliche Tendenz zur Linearisierung und zur Zurückführung eines Phänomens auf eine einzige Ursache. Z. B. können Krebserkrankungen viele Ursachen haben, aber es ist für viele Menschen attraktiv, alles auf seelische Probleme (oder alternativ die Ernährung) zurückzuführen. Im Einzelnen kann so eine Zentralreduktion richtig und sinnvoll sein, im Allgemeinen ist sie jedoch ein Denkfehler und verhindert tieferes Systemverständnis und damit Problemlösungen.

Wenn Hegel sagt "Weltgeschichte ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit", dann macht er ein solche dogmatische Zentralreduktion. Er könnte auch sagen "Ich (Hegel) meine und möchte durch meine Untersuchungen zeigen, dass in geschichtlichen Entwicklungen die Freiheit der Menschen und ihre Sichtweise auf die Freiheit eine zentrale Rolle spielt". Das wäre doch klarer und würde das Feld für eine konstruktive Auseinandersetzung öffnen. Er könnte sagen, dass seine dialektische Methode eine mögliche "Denkfigur" ist, mit der man sich an bestimmte gedankliche Probleme annähern kann, im Rahmen seines Werkes erscheint sie aber als die universellen Denkvorschrift.

Wenn Hegel das vor 200 Jahren getan hat, dann war er auch das Kind seiner Zeit. Warum sollte man ihn dafür angreifen? Wenn notwendig, muss man ihn angreifen, um "Hegel als Authorität" zu erschüttern. Die Frage ist aber: was retten diejenigen, die ihn heute lieben und verstehen aus seinem Nachlass? Was sind sie bereit, als überholt zu streichen und wie passen Streichungen in das Werk eines Geistesriesen? Gibt es die, die ihn nicht instrumentalisieren? Und wie übersetzen sie den Kern seines philosophischen Beitrags in heutige Alltags- und Systemsprache, damit er nutzbar und wirksam wird?

Hallo Helmut,

zwei kleien Anmerkungen:

luhmann: Leute die Luhmann und Hegel kennen (ich kenne Luhmann ungefaehr sogut wie du hegel kennst ;-), also zu wenig), sagen oft, das LuhmannvonHegel abgechriebnhat, dass er versucht hat Teile vonHegels logik in die moderne Wissenschafts (bzw. Sozilogie bzw. Kybernetik bzw. Uni) Sprache zu uebersetzen. Falls das stimmen sollte (es klang inder sekundaerlitrratur fue rmich damals recht ueberzeugend), dann waere es nicht ausgeschlossen, dass du mit der Zeit einige Aha-Erlebnisse beimHegel-Lesen bekommst (immer unterstellt, du kennst und masgst Luhman).

Zu deiner letzten frage "Und wie übersetzen sie den Kern seines philosophischen Beitrags in heutige Alltags- und Systemsprache, damit er nutzbar und wirksam wird?" biete ich dir hie rlaufend Anschauungsunterricht, hoffe ich ;-))

Ciao (muss jetzt ins bett, ist schon 2:55) Kai

Kai Froeb

Ich sehe es nicht so, dass die Betrachtungsweise von Hegel über die Weltgeschichte als "Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit" eine Zentralreduktion ist, so wie Du sie beschreibst, als "Tendenz zur Linearisierung und zur Zurückführung eines Phänomens auf eine einzige Ursache". In der Weltgeschichte nach Hegel ist nichts linearisiert und nichts auf eine einzige Ursache zurückgeführt. Vielleicht in dem, was Leute über Hegel erzählen, aber nichts in seinen veröffentlichten Texten und von dem, was man über seine Vorlesungen z.B. der Rechtsphilosophie weiß.